US-Football: TV-Ärger vor dem Super Bowl
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 07.02.2010 - 10:17Miami (RP). Jeder dritte US-Amerikaner (rund 100 Millionen) sitzt morgen vor dem Fernseher, wenn in Miami (18 Uhr Ortszeit/24 MEZ) der Super Bowl beginnt. Nach Schätzungen verzehren die Sofasportler binnen weniger Stunden 14.500 Tonnen Kartoffelchips, 4000 Tonnen Popcorn und 3600 Tonnen Guacamole (Avocado-Dip). Kneipen steigern ihren Hotdog-Umsatz, indem sie in der Halbzeit zum Würstchen-Wettessen einladen.
Auf dem Spielfeld favorisiert sind die Football-Profis der Indianapolis Colts, die Sympathien aber fliegen Außenseiter New Orleans Saints zu, der erstmals in seiner 43-jährigen Klubgeschichte im Endspiel steht. Der Aufschwung begann 2006. Star des Teams ist der nach elf Schulteroperationen eigentlich schon abgeschriebene Drew Brees (31).
Der Quarterback (Spielgestalter) kam wenige Monate nachdem Hurrikan Katrina die Stadt verwüstet hatte. Er ist maßgeblich am sportlichen Aufschwung beteiligt, engagiert sich mit seiner Stiftung (bisher rund zwei Millionen Dollar) aber auch abseits des Sports für den Wiederaufbau. Sein Gegenspieler ist Peyton Manning (33), der in New Orleans geboren wurde und dessen Vater Archie von 1971 bis 1982 das Spiel der Saints dirigierte.
Für das TV-Netzwerk CBS ist der Super Bowl eine Geldquelle. 30 Sekunden Sendezeit kosten rund drei Millionen Dollar, was Limonaden-, Auto- und Medikamentenhersteller nicht daran hindert, sich um die begehrten und längst verkauften 60 Plätze zu drängeln. In diesem Jahr aber gibt es heftigen Streit, das Spektakel steht im Zeichen eines Kulturkonflikts. Abtreibungsgegner haben ein Werbefilmchen drehen lassen, in dessen Mittelpunkt ein Football-Ass steht, mehr noch dessen Mutter.
Tim Tebow wäre heute nicht Spielmacher der Florida Gators (Team der University of Florida), hätte Pam Tebow im Jahr 1987 auf medizinischen Rat gehört. Damals betrieb sie mit ihrem Mann eine christliche Mission auf den Philippinen. Wegen einer Amöbenruhr, die sie mit starken Medikamenten bekämpfte, legte ihr eine Ärztin nahe, die Schwangerschaft abzubrechen. Pam schlug den Rat in den Wind und ihr fünftes Kind kam gesund zur Welt. Heute ist Tim nicht nur ein Star in den Football-Arenen, sondern auch ein Champion der Pro-Life-Bewegung. Gewöhnlich lässt er sich die Nummern von Bibelversen ins Gesicht malen, bevor er den Rasen betritt. "Die Ärztin nannte unseren Sohn einen Klumpen Embryogewebe, aber wir sahen das anders", sagt seine Mutter.
Bezahlt wird der Spot von "Focus on the Family", der erzkonservativen Organisation des Pfarrers James Dobson, die bekannt ist für schrille Töne. Bevor sich Barack Obama als Präsident vereidigen ließ, rief sie ihre Anhänger auf, für sintflutartigen Regen zu beten, auf dass die Zeremonie auf den Stufen des Kapitols ins Wasser fallen möge.
Pro Life beim Super Bowl – das geht liberalen Gruppen zu weit. "Hier wird suggeriert, dass eine Frau, die abtreiben lässt, der Nation einen Supersportler raubt", protestiert Stephanie Wolf vom New Yorker Women's Media Center. Die Kritiker sehen die Balance gestört: Andere, schräge Commercials mit ebenfalls umstrittenen Themen bekamen von CBS keine Sendezeit. Knutschende Männer, die für eine Dating-Website für Schwule werben – abgelehnt. Ein fiktiver schwarzer Ex-Footballprofi im pinkfarbenen Jogginganzug, der Damenunterwäsche verkauft, seit ihn die leicht bekleidete Autorennfahrerin Danica Patrick betörte – nicht erwünscht.
Für den Medienexperten Bob Garfield gibt es aber nur Gewinner. "Sie alle bekommen durch die Debatte mehr Aufmerksamkeit, als sie je hätten bezahlen können – und die nicht gesendeten auch noch unentgeltlich."
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