Tennisprofi Corinna Morariu kämpft um ihr Leben: "Mein Neffe hat mehr Haare als ich"
zuletzt aktualisiert: 27.08.2001 - 14:00New York (rpo). Es ist still. Kein Laut dringt durch die Fenster nach innen, niemand spricht ein Wort, nur Corina Morarius kaum hörbares Flüstern kratzt ein bisschen an der bedrückenden Lautlosigkeit. "Ich fühle mich sehr, sehr schwach", sagt sie und fixiert mit ihren traurigen Augen einen imaginären Punkt an der Decke: "Einfaches Treppen steigen erschöpft mich so sehr, dass ich danach stundenlang gar nichts machen kann."
Ihr Blick löst sich vom Nichts, wandert durch den Raum und senkt sich, das Flüstern ist nur noch ein Hauch: "Aber das wird schon wieder, bestimmt." Corina Morariu, 23 Jahre alt und noch im Frühjahr 2001 eine der weltbesten Doppelspielerinnen, kämpft seit drei Monaten nicht mehr um Punkte auf dem Tennisplatz, sondern um ihr Leben.
Es war im Mai, als sie wegen einer Fußverletzung ein paar Tage lang nicht trainieren konnte und die Zeit nutzte, um zum Arzt zu gehen und sich wegen ihres ständigen Nasenblutens untersuchen zu lassen. Die Diagnose war niederschmetternd: Promyelozytische Leukämie, eine seltene Form der Krankheit, die das weiße Blutbild speziell bei Erwachsenen lebensbedrohlich verändert.
Ein Vierteljahr und etliche Chemotherapien später erinnert nicht mehr viel an eine athletische Hochleistungssportlerin. Corina Morariu sieht zerbrechlich aus, ihr blasses Gesicht wirkt schmal, fast kindlich unter dem Tuch, mit dem sie ihren kahlen Schädel bedeckt. Doch trotz ihrer körperlichen Schwäche hat sich Corina Morariu für zwei Tage aus dem Krankenhaus von Boca Raton "beurlauben" lassen, um wenige Stunden vor Beginn der US Open ein bisschen Zeit mit den Freundinnen und Kolleginnen von früher zu verbringen.
Und es scheint ihr Kraft gegeben zu haben. "Die Menschen zu treffen, die ich so lange und so gut kenne und mit denen ich so viel Schönes erlebt habe, hat mir einen enormen psychischen Auftrieb gegeben", sagte Corina Morariu am Sonntag in New York. Für einige kurze Momente rückte die furchtbare Krankheit in den Hintergrund, konnte sie sogar über sich selbst scherzen: "Mein kleiner Neffe ist sechs Monate alt, aber er hat mehr Haare als ich. " Am Montag musste sie wieder zurück in die Klinik, eine fiebrige Infektion hat den geschwächten Körper angegriffen.
Die Familie ist ihr großer Rückhalt in dieser schweren Zeit. "Sie geben mir das Gefühl, rund um die Uhr da zu sein", erzählt sie: "Manchmal muss ich auch mit mir alleine sein, aber gerade dann ist es wichtig, zu wissen, dass sofort jemand kommt, wenn ich rufe. " Ihr Vater Albin, ein gebürtiger Rumäne, ist Neurologie-Professor und begleitete - Ironie des Schicksals - Pete Sampras´ früheren Trainer Tim Gullikson von Januar 1995 bis Mai 1996 auf dessen schwerem Weg in den Tod. Gullikson litt an einem Hirntumor, und der nach ihrem benannten Stiftung hatte Corina Morariu noch Anfang des Jahres 50.000 Dollar überwiesen.
Mögen auch die äußeren Umstände nicht sonderlich vielversprechend sein, Corina Morariu will sich auf keinen Fall willenlos in ihr Schicksal ergeben: "Die Ärzte haben mir zwar gesagt, dass ich einen langen und steinigen Weg vor mir habe, aber sie haben mir auch gesagt, dass meine Prognose sehr günstig ist."
Nur ein einziges Mal in der ganzen langen Zeit hat sie übrigens geweint. Als ihre Freundin Jennifer Capriati nach ihrem French-Open-Sieg im Mai ein Schild hoch hielt, auf dem zu lesen stand: "Get well soon, Corina" (Gute Besserung, Corina), hat sie daheim vor dem Fernseher den Tränen minutenlang freien Lauf gelassen. Seither nicht mehr, Weinen verschleiert den Blick: "Und bei dem, was ich noch vor mir habe, brauche ich eine klare Sicht."
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