Leichtathletik-Zirkus ist 150-Millionen-Mark-Geschäft: Millionen liegen auf der Tartanbahn
zuletzt aktualisiert: 11.08.2000 - 16:39Zürich (sid). Äthiopiens Dauer(b)renner und Dauerlächler Haile Gebrselassie lässt sich geduldig mit einem treuen Fan ablichten. Daneben kündigt Dänemarks 800-m-Star Wilson Kipketer, nur Gast in Zürich, vor surrender Kamera die große Rückkehr kommenden Freitag in Brüssel an. Englands Dreisprung-Weltrekordler Jonathan Edwards dementiert ein paar Meter weiter Meldungen, dass er auf Olympia verzichten wolle, weil die Schwiegermutter im Sterben liege. Und als Marion Jones mit ihrem tapsig daherkommenden Kugelstoß-Weltmeister Cottrell J. Hunter erscheint, schütteln nicht wenige den Kopf angesichts des ungleichen Paars.
Hunderte wuseln wild umher in der weiträumigen Lobby des Züricher Athletenhotels, die vor dem größten Meeting der Szene Nabel der Leichtathletik-Welt ist. Meeting-Chefs jagen Manager, Journalisten warten auf die Stars der Arena und und Autogrammjäger hängen manchmal wie Schmeißfliegen am Trikotzipfel ihrer Lieblinge. Es ist eine Mischung aus Börse, Basar und Showbühne. Und manchmal fliegen sogar die Fäuste. So wie vor fünf Jahren, als die blutige Schlägerei zwischen US-Sprinter Dennis Mitchell und dem Nigerianer Olapade Adeniken eine Verwarnung durch den Weltverband IAAF zur Folge hatte.
Doch meist geht es lustig zu: Ein bärtiger Finne reicht Haile Gebrselassie die Hand und der Äthiopier fragt freundlich: "Ah, sie sind auch ein Journalist?" Doch sein Gegenüber gibt sich als früherer Branchenkollege zu erkennen: "Ich bin Lasse Viren", sagt der heute 51 Jahre alte Doppel-Olympiasieger von 1972 und 1976, und Haile hat mit seiner Reaktion erneut die Lacher auf der Seite: "Na klar, ich habe viele Bilder von dir gesehen. Aber ich dachte, du wärst jünger ..."
Viren lief im späten Amateurzeitalter noch für eine Handvoll Dollar. Heute ist der Leichtathletik-Zirkus ein Geschäft um rund 150 Millionen Mark geworden. Das große Geld wird in den sieben Meetings der Golden League (Zürich-Etat gut sieben Millionen Mark) und rund zwei Dutzend Grand-Prix-Sportfesten umgesetzt. 40 Manager betreuen rund 1.000 Athleten. Rund ein Fünftel davon ist beim Briten Kim McDonald und dem Holländer Joos Hermens unter Vertrag. "15 von uns können davon leben. Die anderen haben noch einen Job", sagt der Österreicher Robert Wagner. Der frühere Bahnhofsvorsteher gehört zu denen, die seit Jahren gut im Geschäft sind.
Vom 150-Millionen-Gesamtetat der 80 größeren Freiluft-Meetings fließen 60 bis 70 Prozent an die Athleten. Nur einige Dutzend erhalten fünfstellige Dollar-Gagen pro Start, ein paar handverlesene Läufer-Stars wie der noch verletzte Michael Johnson, der wieder gesunde Maurice Greene (beide USA) oder Gebrselassie schon mal sechsstellige Summen. Knapp dahinter rangieren Kipketer und Marokkos Hicham El Guerrouj. Doch etliche der 420 Zürich-Starter, die alle 280 Zimmer des Hotels in Beschlag nehmen, können ihr Brot nicht ganzjährig durch die Leichtathletik verdienen. Für sie ist Dabeisein alles.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum











