Der Doping-Fall Baumann wird immer spannender: "Mister X" bringt Franke und Kallabis ins Spiel
zuletzt aktualisiert: 04.01.2000Neuss (sid). Der Fall Dieter Baumann entwickelt sich spannender als jeder Kriminalroman. Der von der Staatsanwaltschaft im Zuge der "Zahnpasta-Affäre" vernommene "Mister X", der im Juli 1999 in St. Moritz eine Woche lang mit dem unter starkem Dopingverdacht stehenden Olympiasieger unter einem Dach wohnte, hat Baumanns sportliche "Intimfeinde" Stephane Franke und Damian Kallabis belastet. Beide waren mehrfach in der als Massageraum genutzten Unterkunft und hatten damit Zugang zum Bad, wo sich Baumanns Zahnpasta befand.
Bei "Mister X" handelt es sich um den 27-jährigen Christian Thörner, einen Läufer aus der zweite Reihe, der bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften Anfang Juli in Erfurt Platz vier über 5.000 m belegt hatte. Diplom-Betriebswirt Thörner wurde wie DLV-Masseur Jürgen Melzer inzwischen vom Tübinger Oberstaatsanwalt Dr. Hans Ellinger vernommen. Die Befragten seien nicht zwangsläufig verdächtig, erklärte Ellinger dem Sport-Informations-Dienst (sid).
Thörner weist den Verdacht von sich, die Zahnpasta Baumanns mit dem bei den Dopingkontrollen vom 19. Oktober und 12. November gefundenen anabolen Steroid Nandrolon versetzt zu haben. "Warum sollte ich? Ich habe noch nie einen berühmten Menschen getroffen, der so persönlich auf alle zugegangen ist. Baumann war so was von happy mit seinem Laufen", erklärt der Langstreckler aus Gräfelfing. Thörner hält den Olympiasieger von 1992 für unschuldig: "Ich kann es mir wegen seiner Persönlichkeit nicht vorstellen."
Attentat nicht ganz ausgeschlossenDer 27-Jährige schließt ein Attentat von seiten Frankes und Kallabis eigentlich aus: "Auch das halte ich für unwahrscheinlich. Aber wenn mich einer fragt, was ich mir eher vorstellen kann, dann wäre es eine Manipulation durch die beiden."
Baumanns Rechtsvertreter Dr. Michael Lehner zählt Franke und Kallabis, die zur fraglichen Zeit ein Appartement in dem Schweizer Nobelort bewohnten, "zu den potenziell möglichen Tätern". Es sei sehr wahrscheinlich, dass die Manipulation der Zahnpasta in St. Moritz erfolgt sei. Der Heidelberger Anwalt glaubt: "Vielleicht wollte man eine frühere Positiv-Probe noch während der Saison bewirken." Nach seinem WM-Verzicht lief Baumann Anfang September in Berlin die drittbeste 5.000-m-Zeit seiner Karriere.
Zuvor bereits war bei einer Trainingskontrolle am 5. August in Baumanns Urin erstmals eine ungewöhnliche Nandrolon-Konzentration (1,0 Nanogramm) festgestellt worden, die allerdings noch deutlich unter dem zulässigen Grenzwert lag (2,0). Erst bei den späteren Dopingtests war Baumann positiv. Weitere Untersuchungen im Kölner Kontroll-Labor von Professor Dr. Wilhelm Schänzer brachten die Verunreinigung der Zahnpasta zu Tage, woraufhin Baumann Anzeige gegen Unbekannt erstattete.
Auch Isabell Baumann verdächtigZum Kreis der Verdächtigen zählen zwangsläufig Baumann selbst sowie die Familie, aus der bislang nur Ehefrau und Trainerin Isabell vernommen wurde. Der Griff zur Tube ist überdies nichts Neues, er war im flächendeckenden DDR-Doping eine Methode zur Manipulation doping-unwilliger Athleten.
Eine Stellungnahme von Franke und Kallabis war am Dienstag nicht zu erhalten, beide sind im Trainingslager in Kenia. Der erst am Montag abgereiste Kallabis hatte am Wochenende erklärt, noch nicht von der Staatsanwaltschaft befragt worden zu sein: "Ich kann denen nicht viel erzählen, ich habe in St. Moritz noch nicht mal mit Baumann trainiert."
Im Nebenraum des Bades jedoch lagen Franke und Kallabis Ende Juli regelmäßig auf der Massagebank. Das bestätigt DLV-Masseur Melzer: "In der fraglichen Woche waren Franke und Kallabis jeweils vier- bis fünfmal zur Therapie bei mir. Die meisten Athleten waren zu dem Zeitpunkt bereits zur WM nach Sevilla abgereist. Insgesamt habe ich höchstens fünf Sportler behandelt."
Wohnung war nie abgeschlossenBleiben neben Baumann, Franke und Kallabis also maximal zwei weitere. Allerdings, so Christian Thörner, sei die Tür zur Wohnung in unmittelbarer Nähe der Kunststoff-Bahn nie abgeschlossen gewesen. Sehr viele der zu dieser Zeit schätzungsweise 100 Athleten vor Ort hätten also Zutritt gehabt.
Thörner schildert das Zustandekommen der Zufalls-Wohngemeinschaft mit Baumann und Melzer wie folgt: "Nach meinem Studienabschluss reiste ich spontan nach St. Moritz und schlief eine Nacht in der Jugendherberge. Das erzählte ich am nächsten Tag beim Training, und obwohl wir uns bis dato nur flüchtig kannten, lud Dieter mich spontan ein, ich könne ja in seinem Zimmer mit übernachten." Dieter Baumann habe für seine Frau und die beiden Kleinkinder eine Extra-Wohnung angemietet und die zweite Wohnung zur Massage und zum ungestörten Schlafen genutzt.
Die deutsche Langstrecken-Szene ist seit Jahren in die Lager "Baumann" und "Franke" gespalten. In der Gruppe um den Tübinger "Vorläufer" wurde oft über angebliche Doping-Praktiken des zweimaligen 10.000-m-EM-Dritten Franke diskutiert, der stets im Schatten des populäreren Baumann stand.
Im Herbst 1998 machten nach dem überraschenden EM-Titelgewinn des von Franke trainierten Kallabis neue Gerüchte Schlagzeilen: Dem in Potsdam wohnhaften Gespann wurde der Missbrauch des unerlaubten Blutdoping-Mittels Epo unterstellt. Die Einnahme des erst später verbotenen Blutverdünners Hes gaben Franke und Kallabis zu.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum











