Tennis: 1:4 - Doch noch ein Sieg zum Abschluss: Nach Hollandpleite: Kiefer stellt Teamgeist in Frage
zuletzt aktualisiert: 08.04.2001 - 21:57's-Hertogenbosch (rpo). Mit einem unrühmlichen, fast peinlichen Auftritt in den Niederlanden haben die Erben von Boris Becker und Michael Stich das deutsche Tennis wieder tiefer in die internationale Bedeutungslosigkeit gestürzt.
Durch das 1:4 im Viertelfinale platzte für das dezimierte Daviscupteam der Traum, wieder einmal in die Nähe eines Endspiels zu kommen. Die Niederlage stand erstmals seit 1996 schon vor den beiden Schlusseinzeln fest, als David Prinosil und Jens Knippschild am Samstag ihr Doppel gegen Paul Haarhuis und den angeschlagenen Sjeng Schalken eindeutig verloren.
Auch am Sonntag muss das DTB-Team bislang weiter auf den ersten Sieg warten. Im ersten der beiden bedeutungslosen Einzel verlor David Prinosil 6:7 (4:7), 5:7 gegen Jan Siemerink, der am Freitag schon Nicolas Kiefer bezwungen hatte. Dieser holte mit dem 3:6, 6:2, 6:3 gegen Raemon Sluiter im abschließenden Einzel wenigstens noch einen Punkt gegen die Niederlande und verhinderte die erst dritte deutsche 0:5-Niederlage seit Einführung der Weltgruppe 1981.
Unbeteiligt an der Pleite in 's-Hertogenbosch war lediglich Thomas Haas, der wegen seiner nicht auskurierten Fußverletzung und einer Erkältung von Kapitän Carl-Uwe Steeb nicht eingesetzt wurde. Ohne den im Daviscup erst einmal bezwungenen Haas machten Kiefer und Prinosil eine hilflose Figur gegen die entfesselt spielenden Niederländer, die mit dem ersten Sieg gegen den Nachbarn nach zuvor sechs Niederlagen erstmals das Daviscup-Halbfinale erreichten.
Kiefer stellte zu allem Überfluss den im Vorfeld immer wieder beschworenen Teamgeist in Frage, als er nach seiner Auftakt- Niederlage gegen Jan Siemerink mangelnde Unterstützung beklagte. "Das war sehr dünn. Von der Bank muss mehr kommen", sagte Kiefer auch am Samstag noch. "Das müsste vom Spieler auf dem Platz kommen. Er soll uns mitreißen", konterte Haas. Steeb stellte klar, er werde seinen ruhigen Stil auf der Bank nicht ändern.
Der Kapitän nahm Kiefer zwar gegen harsche Kritik in Schutz, machte den 23-jährigen Holzmindener aber auch indirekt für den Verlauf des Wochenendes verantwortlich: "Wir hatten den ersten Punkt fest eingeplant. Nach der Niederlage waren wir beeindruckt. Die Holländer haben an ihrer Leistungsgrenze gespielt, wir nicht." Vor allem agierten die Gastgeber daheim stets selbstbewusst und geschlossen und boten damit das Gegenbild zum deutschen Team, dass am Freitagabend beim Essen laut Steeb ganze zehn Minuten lang über die eigene Mängelliste diskutierte.
Steeb mochte die fanatische, aber nie feindselige Atmosphäre in der mit 9000 Zuschauern gefüllten Brabant-Halle zwar nicht als Entschuldigung gelten lassen. Seine Feststellung, die Stimmung habe das gesamte deutsche Team am ersten Tag überrascht und vielleicht erdrückt, verwunderte dennoch - ebenso wie David Prinosils Erstaunen über den sofortigen Druck, unter den ihn Raemon Sluiter setzte.
Zumindest nach dem Doppel zeigte Prinosil Einsicht: "Ich wollte Führungsspieler sein. Vielleicht fehlt mir dazu ein wenig das Selbstvertrauen." Der Amberger gestand, dass Knippschild beim 3:6, 4:6, 6:4, 2:6 gegen Haarhuis und Schalken der stärkere Deutsche war. Der Schlusssatz passte zum meist jämmerlichen deutschen Auftritt: Nach dem ersten Break zum 2:0 verloren Prinosil und Knippschild sechs Spiele in Folge. Zum Vergleich: 1995 drehten Becker und Stich in Utrecht gegen das Weltklasse-Duo Haarhuis und Jacco Eltingh einen 0:2-Satzrückstand um und legten den Grundstein zum 4:1-Sieg. Seitdem erreichte kein deutsches Team mehr ein Halbfinale.
"Es gibt nichts zu beschönigen", stellte Georg von Waldenfels fest. Der Präsident des von finanziellen Problemen und internen Skandalen geplagten Deutschen Tennis-Bundes (DTB) hofft trotzdem auf eine sportliche Wende zum Besseren: "Ich habe keine Zweifel, dass wir mit dieser Mannschaft um den Daviscup mitspielen können." Steeb plant weiter mit den jetzigen Spielern, auch Kiefer will dabei sein. "Wir müssen auf eine gute Auslosung warten, was leider nicht passieren wird", befürchtete Haas. In diesem Jahr hätte es nach den Duellen gegen die zweitklassigen Rumänen und die Niederländer nur noch Heimspiele gegeben. Bis 2002 hat Steeb nun Zeit, aus Einzelspielern ein Team zu formen. Der 33-Jährige, laut Waldenfels die richtige Wahl als Kapitän, will im Amt bleiben. "Wenn ich die Spieler nicht mehr erreiche, müsste ich morgen aufhören", sagte Steeb, "aber das ist sicher nicht der Fall."
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