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Im Doppel-Achtelfinale der French Open: Navratilova - Das Comeback des Jahres

zuletzt aktualisiert: 05.06.2000 - 15:50

Paris (sid) Sie sieht aus, als hätte sie sich in Ort und Zeit geirrt. Blaues Ringel-T-Shirt, weiße oder schwarze Shorts, dazu ein paar ausgelatschte Tennisschuhe - wenn Martina Navratilova dieser Tage auf der roten Asche von Roland Garros ihr Comeback zelebriert, wirkt sie wie eine gut trainierte Freizeitspielerin und nicht wie ein Tennisprofi, der sie zweifelsohne immer noch ist.

Kein Sponsoren-Logo auf dem Ärmel, immer noch der selbe Schläger wie bei ihrem letzten Auftritt in Paris vor sechs Jahren - dennoch hat die 43 Jahre alte Amerikanerin das Siegen noch nicht verlernt. Zwar schied sie im Mixed an der Seite des Holländers Jan Siemerink in Runde zwei aus, aber im Doppel erreichte sie zusammen mit der Südafrikanerin Mariaan de Swardt mit zwei Siegen bereits das Achtelfinale.

Zunächst mussten Sabine Appelmans und Rita Grande (Belgien/Italien) dran glauben, dann die an Nummer zwölf gesetzten Sloweninnen Tina Krizan/Katarina Srebotnik. Keine schlechte Leistung für eine, die 1994 in Wimbledon nach einem verlorenen Finale gegen die Spanierin Conchita Martinez offiziell ihren Rücktritt im Einzel erklärte.

An Martina Navratilova scheint die Zeit spurlos vorüber gegangen zu sein. Die Beine sind immer noch muskulös und schnell, der Bizeps am Oberarm immer noch stark, nur im Gesicht trägt sie ein paar Fältchen mehr. Vier Jahre nach ihrem letzten Mixed in Wimbledon hat sie beschlossen, sich noch einmal mit den Jungen zu messen. Für vier Turniere hat sie mit Partnerin Mariaan de Swardt gemeldet, nach Madrid, Roland Garros wird sie noch auf grünem Rasen in Eastbourne und Wimbledon spielen.

Alle Welt schwärmt von ihrem Comeback, nur sie selbst will davon nichts wissen. Wie sie selbst die Rückkehr des Jahres dann nennt? "Auf jeden Fall ist es kein Comeback", sagt die neunmalige Wimbledonsiegerin, die in ihrer einmaligen Karriere 167 Titel im Einzel und 165 im Doppel gewann. "Ich habe bei meinem Rücktritt 1994 nur gesagt, dass ich nie mehr Einzel spielen werde."

Wieder Lust auf Arbeit

Egal, die Geschichte ist trotzdem schön. Seit 1994 lag Navratilova in ihrer Heimat Aspen "vorwiegend auf der faulen Haut", genoss das Leben mit ihren Freunden und ihrer Familie, ging dreimal für zwei Monate auf Safari in Kenia, erwarb den Pilotenschein und trieb nebenbei Sport. Ski und Snowboard im Winter, Basketball und Golf im Sommer, auf dem Mountainbike hielt sie die Beine fit. Eine gute Zeit, aber irgendwann hatte sie wieder Lust auf Arbeit.

Sie begann zu trainieren, erst vor drei Monaten gelang ihr der letzte große Sieg. Mit dem Eishockey-Team der Aspen Mother Puckers ("Mit P, meine Herren") gewann sie die US-Meisterschaft. "Die meisten sind Mütter, und wir sind das älteste Team in der Liga, aber wir haben die Jungen geschlagen", berichtete sie lächelnd in Paris. Eishockey ist gut für die Beine, die nötigen Arm-Muskeln holte sie sich im Tennistraining.

Fehlte nur noch eine Partnerin. "Ich habe Mariann de Swardt eine E-Mail geschrieben und sie gefragt, ob sie Lust auf Wimbledon hätte", schilderte Navratilova die kurze Suche. "Sie war länger verletzt, hatte keine Partnerin - also kamen wir zusammen." Sie sind ein ungleiches Paar, die eher zierliche Martina und die bullige Mariaan. Navratilova ist zuständig für die Feinheiten und Volleys, de Swaardt für die harten Returns. "Wir ergänzen uns prima", sagt die 14 Jahre ältere Amerikanerin.

"Gewinnen ist immer noch schön."

Dennoch fragen sich alle: Warum tut sich eine 43-Jährige das alles noch einmal an? Die Antwort ist simpel. "Weil ich es immer noch kann", sagt Navratilova immer wieder, "weil ich immer noch mithalten und vernünftiges Tennis spielen kann und einfach Spass am Wettkampf habe. Gewinnen ist immer noch schön."

Sie muss viele Fragen beantworten, viele Interviews geben in diesen Tagen von Paris, aber sie macht es gerne - und souverän. Wer Navratilova reden hört, fragt sich, warum die Nachfolgerinnen wie Martina Hingis oder Venus Williams so arrogant und nichtssagend sein müssen.

Trotzdem verteidigt die langjährige Nummer eins ihre Erben. Selbst an "Tennislolita" Anna Kurnikowa, die allein durch Werbeverträge pro Jahr rund zehn Millionen Dollar verdient, übt sie keine Kritik. "Wenn die anderen Spielerinnen neidisch auf ihr Geld sind, müssen sie darüber wegkommen. So ist der Markt. Auch ich habe nie die Verträge bekommen, die ich verdiente. Dafür habe ich mein Geld auf dem Platz gemacht", sagt Navratilova: "Anna ist als Beauty geboren worden, ich mit einem athletischen Körper. Sie macht gutes Geld und ist gut für das Tennis. Ich wünschte mir nur, dass sie eine bessere Spielerin wäre. Sie kann mehr, als sie bislang gezeigt hat."

Schon umgerechnet 21.000 Mark hat Navratilova in Paris verdient, Peanuts im Vergleich zu den 20,34 Millionen Dollar Preisgeld ihrer Karriere. Geld ist nicht mehr wichtig, Navratilova genießt nur sich und die Tage von Paris.

Nur ein Problem hat sie vor Wimbledon nicht lösen können: In Frankreich darf ihr Hund, ein Rehpinscher namens Bina, zwar auf dem Schoß einer Freundin sitzend jedes Spiel verfolgen, nach England aber kann Bina nicht mit. Die Briten sind unerbittlich, wenn es um Quarantäne-Gesetze auf ihrer heiligen Insel geht.

Quelle: RPO Archiv

 
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