Der Schwede zeigt keine Emotionen auf dem Platz: Norman will den Coupe de Mousquetaires
zuletzt aktualisiert: 08.06.2000 - 13:30Paris (sid). Der Schwede als solcher sagt nicht gerne, was er denkt, und zeigt schon gar nicht, was er fühlt. Der blonde Magnus Norman, den viele für den kommenden French-Open-Sieger halten, ist auf der einen Seite ein typischer Vertreter des schwedischen Tennis, auf der anderen Seite kokettiert er auch gerne damit.
"Ich bin ein Durchschnitts-Junge, der sich den Arsch aufgerissen hat, um so weit zu kommen", sagt Magnus Norman über sich selbst: "Ich zeige keine Emotionen, ich vergeude keine Energie mit Dingen, die mein Tennis stören könnten. Ich werde mir das Ding nicht mehr aus den Händen nehmen lassen. Keine Chance."
Das "Ding" ist der goldene Coupe de Mousquetaires, den der Sieger des Endspiels der French Open am Sonntag in Paris neben dem Preisgeldscheck von 1,3 Millionen Mark überreicht bekommt. Nur noch ein Sieg fehlt dem 23-jährigen Norman, um als erster Schwede seit dem großen Stefan Edberg 1989 das Finale von Roland Garros zu erreichen. Nur noch zwei, um das größte Sandplatzturnier der Welt als erster Schwede seit Mats Wilander 1988 zu gewinnen.
Die Chancen, dass er es schafft, stehen gut. Im Halbfinale am Freitag spielt die Nummer eins im Champions Race gegen Außenseiter Franco Squillari (Argentinien), der bei einem Grand Slam noch nie so weit kam und in bisher zwei Begegnungen noch keinen Satz gewann. Im Falle des Sieges trifft Norman auf den Brasilianer Gustavo Kuerten, French-Open-Champion von 1997, oder Spaniens Jungstar Juan Carlos Ferreiro, die sich im zweiten Halbfinale gegenüber stehen.
Das schwerste Match auf dem Weg zum ersten Grand-Slam-Titel hat er wohl schon hinter sich. Nach einem hitzigen Gefecht über drei Stunden besiegte der kühle Norman Feuerkopf Marat Safin 6:4, 6:3, 4:6, 7:5. Am Ende zitterte ihm die Hand: "Ich war genauso nervös wie er." Doch dann nutzte er den dritten Matchball und ballte erleichtert die Fäuste. Der 20-jährige Russe tat das Übliche, er zertrümmerte wütend seinen Schläger. Es war der dritte in einem aufregenden Spiel.
"Er schlägt ein As, und beim nächsten Mal zerlegt er seinen Schläger. Er ist trotzdem ein netter Kerl. Die Tour braucht auch solche Spieler, nicht nur Langeweiler wie mich, die nie Emotionen zeigen", sagte Norman nach dem erfolgreichen Kraftakt mit einem Anflug von Selbstironie. Bis dahin hatte er in vier Matches keinen Satz abgegeben, gegen Safin war es eng. Der 1,93 m große Russe haute drauf, was der Schläger hergab, doch Norman blieb ruhig. "Gegen solche Schüsse kannst du nichts machen. Ich habe mich nur reingehängt und sehr konstant gespielt. Das hat sich am Ende ausgezahlt."
Norman spielt sein Spiel. Mit wuchtigen Grundlinienschlägen, mit wenig Risiko und wenigen Ausflügen ans Netz. Zwar bewegt er sich auf dem Platz wie sein Vorbild Edberg und verbirgt sein Gesicht beim Seitenwechsel stets unter einem großen Handtuch, ähnlich aber ist er dem zweimaligen Wimbledonsieger nicht. Genauso wenig wie dem Stoiker und Lebenskünstler Mats Wilander oder "Ice Borg" Björn Borg. Magnus Norman ist Magnus Norman, ein Mann mit eigenem Gesicht und einer eigenen Geschichte.
Vor drei Jahren schien seine Karriere schon fast zu Ende, als er wegen rätselhafter Herzrhythmus-Störungen in Wimbledon ein Spiel aufgeben musste. Norman hatte den Herzfehler von seiner Mutter geerbt, die als erfolgreiche Schwimmerin aus dem selben Grund nicht an den Olympischen Spielen 1972 in München teilnehmen konnte. Am 1. Dezember 1997 ließ sich Norman von einem Spezialisten operieren, seitdem schlägt das Herz so, wie es soll: "Ich bin gesund, ich habe keine Probleme mehr."
Schon im letzten Jahr gewann Norman fünf Turniere, darunter Stuttgart-Weißenhof, und war damit neben Andre Agassi und Pete Sampras der erfolgreichste Spieler der Saison. Anfang des Jahres erreichte er bei den Australian Open mit einem Sieg über Nicolas Kiefer erstmals das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers.
Damals verlor er gegen den Russen Jewgeny Kafelnikow glatt in drei Sätzen, diesmal will er es besser machen. "Australien war noch zu groß für mich, ich hatte noch keine Erfahrung. Aber ich habe daraus gelernt", sagt der 1,88 m große Norman vor dem zweiten Halbfinale seiner Karriere gegen den unangenehmen Linskhänder Franco Squaillari: "Ich war noch nie in einem großen Endspiel. Ich habe wirklich hart dafür gearbeitet. Das wird der größte Thrill meines Lebens."
Magnus Norman wird auf den berühmten Court Central gehen, keine Emotionen zeigen und sich trotzdem den Arsch aufreißen. Von wegen Durchschnitts-Junge.
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