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Olympia 2016
Harting: "Schäme mich für Thomas Bach"

Reaktionen: "Olympische Gedanke hat großen Schaden genommen"
Reaktionen: "Olympische Gedanke hat großen Schaden genommen"
Kienbaum. Der Diskus-Olympiasieger kritisiert den IOC-Präsidenten massiv. Der verteidigt die Entscheidungen.

Verabscheuungswürdig, peinlich, ekelhaft, enttäuschend: Diskus-Star Robert Harting hat den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach nach der Olympia-Zulassung russischer Sportler trotz massiven Dopingbetrugs mit scharfen Worten attackiert. "Ich persönlich verabscheue diesen Menschen mehr denn je", sagte der Olympiasieger von London. Am Sonntag hatten Bach und sein Exekutiv-Komitee trotz der Enthüllungen im McLaren-Report der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada beschlossen, ein russisches Team unter bestimmten Auflagen für die Spiele an der Copacabana zuzulassen. Seit Sonntag sind neben den 68 gesperrten Leichtathleten insgesamt 40 (darunter 22 Ruderer) weitere für Brasilien gesperrt worden. Dabei handelt es sich um Sportler aus sieben verschiedenen Sportarten.

Harting ist dennoch schockiert über die IOC-Entscheidung: "Thomas Bach ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für ihn." Bach habe kurz vor Beginn der Spiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) "keinerlei Interesse, den Schmerz" der sauberen Athleten "zu fühlen". Das IOC und Bach haben "eine neue Enttäuschungsdimension erreicht", sagte der 31 Jahre alte Berliner. Die Entwicklungen der vergangenen Tage, ein russisches Team trotz der Beweise für ein systematisches und staatlich geschütztes Dopingsystem nach Rio zu lassen, sei "einfach peinlich".

Harting habe sich schon gefragt, ob Bach als IOC-Präsident "noch tragbar ist. Aber ich alleine werde da nichts verändern können." Nur eine "Allianz aus Wirtschaft, Medien und Politik" könne Bach ernsthaft in Bedrängnis bringen.

Dass die russischen Leichtathleten im Gegensatz zu Athleten anderer Sportarten international weiter gesperrt sind, bezeichnete Harting als "richtige Maßnahme". Zudem setzt er sich für Whistleblowerin Julia Stepanowa ein. Zwar habe die 800-m-Läuferin der Leichtathletik mit ihrer Dopingvergangenheit "Schaden zugefügt. Aber der Schaden, den sie von der Leichtathletik abgewendet hat, ist viel größer." Ein Start Stepanowas wäre ein "Schlag ins Gesicht von Wladimir Putin gewesen", meinte Harting.

Auf die heftige Kritik von Diskus-Olympiasieger Robert Harting reagierte Thomas Bach deutlich und nennt sie "eine nicht akzeptable Entgleisung." Vorwürfe einer Befangenheit des IOC durch eine große Nähe zu Wladimir Putin wies der 62-Jährige zurück. "All diejenigen, die so argumentieren, sollten berücksichtigen, wie viele diesen Entscheidungen zugestimmt haben. Kontinentalverbände, Athletenkommissionen; in der IOC-Exekutive war die Entscheidung einstimmig bei einer Enthaltung", kommentierte Bach. "Es gibt hier unterschiedliche Meinungen. Das muss man akzeptieren, das muss man austragen. Aber es ist nicht hinnehmbar, jemanden so zu beleidigen." Er fügte hinzu: Über den Start eines Athleten entscheiden nicht nur die jeweiligen internationalen Fachverbände, sondern vor der endgültigen Entscheidung des IOC muss auch noch die Beurteilung eines CAS-Schiedsrichters eingeholt werden, betonte er.

Auch die Entscheidung des IOC, die russische Whistleblowerin Julia Stepanowa für die Olympischen Spiele nicht zuzulassen, verteidigte Bach vehement. Die Ethikkommission des IOC habe zwar ausdrücklich den Beitrag der Leichtathletin "im Kampf gegen Doping gewürdigt", sagte Bach. "Sie hat aber auch berücksichtigt, dass Julia Stepanowa nicht nur fünf Jahre Teil des Systems war, sondern aktiv mitgewirkt hat in diesem System. Sie hat ihre Informationen erst preisgegeben, als der Schutz des Systems nicht mehr funktionierte und als sie bereits eine Zweijahressperre erhalten hatte."

(sid/dpa)
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