Russische Polizei nimmt Tibeter fest: Olympia: Protest gegen China
zuletzt aktualisiert: 11.07.2001 - 18:56Moskau (rpo). Bei einer Tibet-Kundgebung am Rande der Vollversammlung des IOC hat die russische Polizei mehrere Aktivisten festgenommen. Schweizer Exil-Tibeter sowie mehrere Journalisten wurden am Mittwoch während einer Protestaktion gegen die mögliche Vergabe der Olympischen Spiele 2008 in zwei Tagen an China verhaftet.
Die Demonstration von Tibet-Aktivisten richtete sich gegen Peking, das bei der mit Spannung erwarteten Wahl am Freitag durch die 122. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) als Favorit vor Paris und Toronto gilt. Spitzenvertreter des IOC halten es sogar für möglich, dass die chinesische Metropole bei ihrem zweiten Anlauf auf die Spiele bereits im ersten Wahlgang die notwendige absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhält.
Nach russischen Polizeiangaben müssen sich neun der 15 Festgenommenen am Donnerstag vor einem Gericht wegen des Verstoßes gegen das Demonstrationsgesetz und Missachtung polizeilicher Anordnungen verantworten. Zu den am Abend wieder auf freien Fuß Gesetzten gehören ein Fotograf der US-Nachrichtenagentur AP und eine amerikanische Fotoreporterin. Da der russische AP-Fotograf für die Berichterstattung über die Vollversammlung akkreditiert ist, ist das IOC direkt durch die Affäre betroffen.
IOC-Generaldirektor Francois Carrard sagte am Abend, die russische Seite habe mitgeteilt, dass die neun zunächst Festgehaltenen eine "aktive Rolle" bei der nicht genehmigten Demonstration gespielt hätten. Das IOC verfolge die Angelegenheit sehr intensiv, doch könne es vorläufig "nichts unternehmen. Das Demonstrationsrecht wird durch das nationale Gesetze geregelt", sagte Carrard. Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow hatte dem IOC "störungsfreie Sitzungen" zugesichert. Von Menschenrechtsbewegungen beantragte weitere Demonstration sind von den Behörden nicht genehmigt worden. Exil-Tibeter werfen China vor, in den 51 Jahren der Besetzung ihres Landes auf das Schärfste gegen Menschenrechte zu verstoßen.
Aber auch innerhalb der Olympischen Bewegungen nahmen am Mittwoch die Spannungen und Kontroversen zu. Dabei geht es besonders um das Besuchsverbot für IOC-Mitglieder in Olympia-Bewerberstädten. Paris und Toronto als Herausforderer des Favoriten Peking fühlen sich durch diese Aussperrung benachteiligt. Der südkoreanische Präsidenten- Kandidat Un Yong Kim hat diese einschneidenden Änderung zum Inhalt seiner Kampagne um die Nachfolge von IOC-Chef Juan Antonio Samaranch gemacht. Er geht damit auf Stimmenfang, um am Montag im Dreikampf mit dem belgischen Favoriten Jacques Rogge und dem Kanadier Richard Pound besser bestehen zu können.
Kontroverse um das Besuchsverbot
Wie kontrovers die Einschätzungen sind, machen die beiden deutschen IOC-Mitglieder Thomas Bach und Walther Tröger deutlich. "Das Besuchsverbot hat sich hundertprozentig bewährt. Das ist die fast einhellige Meinung des Exekutivkomitees. Es hat den Kandidatenstädten eine Menge Geld und uns eine Menge Zeit gespart", sagte IOC-Vizepräsident Bach. NOK-Präsident Tröger hält dagegen: "Ich bleibe dabei, das Verbot bedeutet eine Entmündigung und ist deshalb unzulässig. Man muss nun in Ruhe über eine neue Regelung nachdenken, wobei es völlig zweitrangig ist, wer die Reisen bezahlt und ob sie in Gruppen stattfinden sollen." Tröger will wie andere Mitglieder auf den eigenen Augenschein auch deshalb nicht verzichten, weil er nicht allein auf den Prüfungsbericht der IOC-Kommission angewiesen sein möchte. Denn der könnte ja ein "falsches Bild" wiedergeben, sagte Tröger.
Samaranch hatte das Besuchsverbot Ende 1999 gegen große Bedenken zahlreicher IOC-Mitglieder als wesentlichen Teil eines Reformpakets durchsetzen können. In den letzten Wochen hatte der scheidende Präsident wiederholt deutlich gemacht, dass für ihn eine Rückkehr zum Status quo nicht denkbar ist. Die einschneidende Regeländerung war die Konsequenz aus dem Korruptionsskandal um den Olympia-Bewerber Salt Lake City, der für Stimmenkauf mehr als eine Million Dollar (2,6 Millionen Mark) eingesetzt hatte. Das kostete zehn Olympiern das Amt, zehn weitere IOC-Mitglieder wurden verwarnt, darunter Präsidenten- Anwärter Kim.
In den Abordnungen von Paris und Toronto herrscht über die Politik des IOC gleich doppelter Unmut, auch wenn sich dieser so kurz vor der Wahl nicht öffentlich artikuliert. Beide Kandidaten glauben, dass die IOC-Prüfungskommission Peking zu Unrecht ebenfalls die Note "exzellent" gegeben hat und vermuten dahinter die lenkende Hand von Samaranch. Der Bewerbungschef von Paris, Claude Bebear, spricht vorsichtig von einem "Nachteil" für seine Stadt, "dass es den IOC- Mitgliedern nicht erlaubt war, die Kandidaten zu besuchen". Dann nämlich hätten sie Realitäten von den Pekinger Traumbildern unterscheiden können, gibt Bebear zu verstehen.
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