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Beachvolleyball an der Copacabana
Brasilianische Pilgerstätte

Beachvolleyball bei Olympia 2016: Brasilianische Pilgerstätte
Die brasilianische Pilgerstätte an der Copacabana. FOTO: afp
Rio de Janeiro. Beachvolleyball ist Volkssport im Gastgeberland. Auf den Schultern der Athleten liegt eine große Last. Von Stefan Klüttermann

Als der Ball von Alisons Block zurück in die Hälfte der Kanadier springt, ist das der Startschuss für die erste Party auf den Rängen. Es ist zwar gerade einmal der erste Punkt im ersten Spiel des ersten brasilianischen Duos am ersten Morgen des olympischen Beachvolleyball-Turniers. Aber schon nach wenigen Momenten ist einem klar, wie wichtig es für die Cariocas, die Einwohner Rios, ist, dass dieses Stadion auf dem Strand der Copacabana in diesen Tagen ihr Wohnzimmer wird. Ihre Disco. Ihre Pilgerstätte.

Es ist eine Pilgerstätte aus Stahl. Eine Konstruktion auf Zeit, einzig für die Spiele errichtet. Eine Arena, in deren Rücken ein paar hundert Meter draußen auf dem Meer zwei Kriegsschiffe der brasilianischen Marine patrouillieren. 12.000 Fans finden in der prallen Sonne Platz, und schon an diesem ersten Morgen sind nicht mehr viele Plätze frei. "Es ist ein Traum, hier zu spielen, vor diesen Leuten. Und bitte guckt euch dieses unfassbare Stadion an, in dem wir spielen. Wahnsinn", wird Alisons Partner Bruno Schmidt später sagen, nachdem die beiden in einem spannenden Match das kanadische Duo Josh Binstock/Samuel Schachter 21:19, 22:20 haben schlagen können.

Alison ist ein Hüne, unter dessen zum Block geformten Pranken es dunkel werden kann für jeden Angreifer. Eine Maschine mit einer unfassbaren Beschleunigung im Arm und einem Mammut-Tattoo an der Seite. Und ein Entertainer, einer, der das Spiel mit dem Publikum beherrscht. Alison stand vor vier Jahren in London mit seinem damaligen Partner Emanuel Rego kurz vor der Goldmedaille, verlor dann aber das olympische Endspiel gegen Julius Brink und Jonas Reckermann. Schmidt, sein aktueller Partner, ist drahtiger, kleiner. Er hat deutsche Vorfahren und Verwandte in Hamburg. Sie sind die amtierenden Weltmeister und damit naturgemäß eine der großen Hoffnungen ihrer Landsleute auf eine Goldmedaille im Sand, wenn am 18. August die Endspiele steigen. Und es soll doch so unbedingt Gold werden aus Sicht der Olympia-Gastgeber.

Aussichten auf Olympia-Sieg sind prächtig

Es ist schließlich ihr Sport an ihrem Strand, seit 1920 pflegen sie ihn hier. Einzig König Fußball lieben sie noch mehr. Die Aussichten auf den Olympiasieg sind jedenfalls denkbar gut, denn neben Alison/Schmidt zählen auch das zweite brasilianische Männer-Duo Pedro Solberg/Evandro sowie die beiden Frauen-Teams Larissa/Talita und Agatha/Barbara zu den Favoriten.

Beachvolleyball in Rio, das ist aber beileibe nicht nur ein beliebter Sport zum Zugucken. Beachvolleyball in Rio, das ist Volksport. An den Stränden von Copacabana und Ipanema spannen sich unzählige Netze, an denen vor allem allabendlich leidenschaftlich gebaggert, gepritscht und geschmettert wird. Gäbe es Beachvolleyball noch nicht, man müsste ihn wohl für Rio und seine Menschen erfinden. Als perfekte Mischung aus Fitness-Workout, zur Schau gestelltem Körperkult und Open-Air-Party. Es ist längst mehr als eine Abwandlung der Hallensportart Volleyball. Es ist die Ausdrucksbewegung von "cool".

Was für Rios Strände gilt, gilt natürlich auch für das olympische Stadion, das just an der Stelle steht, an der Papst Franziskus 2013 den Weltjugendtag eröffnet und vor zwei Jahren zur Fußball-WM das Fanfest stattgefunden hatte. In diesem Stadion haben DJ Tobi und Einheizer Daniel an diesem Morgen das Sagen. Mit ihren Party-Jingles und dem dazu passendem Jubel-Einüben haben sie leichtes Spiel, denn die Zuschauer sind schließlich genau deswegen gekommen: Alison/Schmidt siegen sehen und nebenbei eine Menge Spaß haben.

Bei Ticketpreisen von durchschnittlich 25 Euro in der Vorrunde und einem Mindestlohn am Zuckerhut von 150 Euro monatlich ist indes auch klar, welche Klientel sich hier Spaß haben leisten kann.

Hoffnung für viele Brasilianer

Als Alison/Schmidt um kurz vor zwölf ihren Matchball verwandeln, donnern "Brasil, Brasil"-Sprechchöre durch das Rund. Dieser wie jeder weitere Sieg eines brasilianischen Teams speist dann auch ganz nebenbei eine ganz bestimmte Hoffnung vieler Brasilianer: dass der Erfolg bei Olympia, das gemeinsame Jubeln, das Stolzsein auf nationale Sporthelden, das genau das ein Land aus der Depression holt, die nach der Fußball-WM eingesetzt hatte - wirtschaftlich, politisch und allgemein. So trägt letztlich jeder Ballwechsel im Sand auch ein Stück gesellschaftlicher Bedeutung in sich.

Den ersten Stein aus diesem Rucksack können Alison/Schmidt am diesem Morgen ablegen. Aber dass der Druck mit dem ersten Sieg auch nicht gerade verflogen ist, weiß Julius Brink als TV-Kommentar in Rio nur zu gut: "Auf den Schultern von Alison und Bruno liegt eine Mordslast. Das hier ist etwas anderes, das sind keine normalen Partien, das ist ihr Olympia. Und es wird ja dadurch nicht unbedingt leichter, dass die beiden das schon seit Monaten wissen."

Quelle: RP
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