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London
Bürgermeister Johnson hängt am Drahtseil

Olympia 2012: Der missglückte Drahtseilakt des Bürgermeisters
Olympia 2012: Der missglückte Drahtseilakt des Bürgermeisters FOTO: Screenshot
London. Bürgermeister Boris Johnson ist der heimliche Star der Spiele. Der 48-Jährige glänzt nicht unbedingt durch politische Kompetenz, dafür aber durch Witz und Schlagfertigkeit. Selbst als er bei einer missglückten Shownummer hilflos an einem Drahtseil hing, nutzte er das zur Eigenwerbung. Von Alexei Makartsev

Es war die beste Shownummer der XXX. Olympischen Spiele seit der fulminanten Eröffnungsfeier. Sie dauerte nur fünf Minuten, doch die Londoner werden sich noch lange an den Tag erinnern, an dem ihr Bürgermeister Boris Johnson vor laufenden Fernsehkameras hilflos an einem Drahtseil sechs Meter über dem Boden hing.

Der konservative Politiker wollte eigentlich bei den Olympiagästen für die neue Attraktion im Victoria-Park werben, als ihm in der Mitte der 320 Meter langen Seilbrücke plötzlich der Schwung ausging. Was tun? Der zappelnde Johnson nutzte souverän die Zeit, bis die Retter ankamen, um britische Fähnchen zu schwenken und flammende Reden zu Ehren des "Teams GB" zu halten.

Dieses Missgeschick wäre für jeden anderen Politiker eine Katastrophe gewesen. Dagegen versteht es der draufgängerische Spaßvogel mit der blonden Zottelfrisur, solche Pannen stets zu seinem Vorteil zu nutzen. Über seinen Sprecher ließ Johnson nach dem Drahtseilakt ausrichten, dass er unverletzt sei, dass jedoch die Olympia-Richter seine "artistische Interpretation nicht sehr hoch benoten" würden. Der Bürgermeister nannte sich später in einem Interview stolz den "Juri Gagarin des Drahtseils". Am selben Tag hatten die britischen Athleten die ersten zwei Goldmedaillen des Königreichs geholt. Doch die Medien interessierten sich einige Stunden lang nur für "ihren Boris".

Er ist kein neues Phänomen. Bereits seit vier Jahren unterhält der schillernde, wortgewaltige Exzentriker seine vielen Fans in der Acht-Millionen-Metropole, die die witzigen Auftritte und den schwarzen Humor des 48-Jährigen nicht mehr missen wollen. Johnsons ansteckende Fröhlichkeit übertüncht den Mangel an Kompetenz, seine legendäre Schlagfertigkeit macht ihn unverwundbar für alle Angriffe. Als die Londoner im Mai gefragt wurden, ob sie den Polit-Clown oder den drögen Labour-Kandidaten Ken Livingston im Rathaus sehen wollten, stand die Antwort fest, noch ehe die Wahl begonnen hatte. Als charismatischer Sprücheklopfer ist Boris so populär, dass er bei den regierenden Tories als möglicher Nachfolger für den Premier David Cameron gehandelt wird.

Auch wenn viele Experten den "Mayor" als einen dummen "celebrity populist" abtun – der 1964 in New York geborene Sohn eines britischen Europa-Abgeordneten ist mehr als nur ein Clown. Wie Cameron ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson ein Absolvent des elitären Eton-College. Bis 1987 studierte er klassische Literatur in Oxford. Als angehender Journalist suchte sich Johnson die "Times" aus, die er jedoch in der Ausbildungszeit nach einem Skandal wegen eines gefälschten Zitats verlassen musste.

Ein neuer Anlauf beim "Daily Telegraph" hatte mehr Erfolg: Johnson arbeitete fünf Jahre lang als EU-Korrespondent in Brüssel, ehe er 1999 als Chefredakteur die rechtskonservative Zeitschrift "Spectator" übernahm. 2001 ließ er sich ins Parlament wählen. Der Rest seiner Biografie, so wie sie die Öffentlichkeit kennt, besteht fast ausschließlich aus Anekdoten. Im Wahlkampf 2008 warb er für sich mit dem Spruch: "Wählen Sie konservativ, dann wird Ihre Frau größere Brüste bekommen und Ihre Chancen auf einen BMW M3 steigen."

Andere Scherze sorgten für Skandale. So machte er sich über das "Wassermelonenlächeln" schwarzer Kinder lustig und über die "Kannibalismus-Orgien" der Menschen in Papua-Neuguinea. Bei der olympischen Abschlussfeier in Peking verärgerte er als Gastgeber der folgenden Spiele die Chinesen mit der lockeren Bemerkung: "Ping Pong kehrt nach Hause zurück!" Es schadete keineswegs seinem Ruhm als schräger Chaot, dass "Boris" beim IOC-Empfang an der Themse vor Beginn der Spiele zur Verblüffung seiner Gäste eine "Ode an die Spiele" in Altgriechisch vortrug.

Seit dem Olympia-Beginn genießt es der "Mayor" noch mehr, im Mittelpunkt der globalen Aufmerksamkeit zu stehen, wobei er seinem Image treu bleibt. Als das Olympische Feuer im Tower eintraf, kommentierte Johnson in Anspielung auf die in der Festung hingerichteten Königinnen: "Auch Heinrich VIII. brachte früher gerne seine alten Flammen hierher." Am Montag verriet der Bürgermeister im "Daily Telegraph" den Londonern seine "20 Gründe, um sich über die Spiele zu freuen". Johnsons Grund Nummer 19 sind die "halbnackten Frauen, die in der Stadtmitte Beachvolleyball spielen und dabei wie nasse Otter glänzen". Auch darüber haben alle herzlich gelacht.

(RP/can)
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