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Olympia: Das deutsche Multikulti-Aufgebot

VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 06.08.2008 - 19:23

37 Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft wurden außerhalb der Bundesgrenzen geboren. So auch Zhenqi Barthel: Die Tischtennisspielerin kam in der Nähe von Schanghai zur Welt und hat in Düsseldorf eine neue Heimat gefunden.

Sie wurde in China geboren und spielt nun beim olympischen Tischtennisturnier in China für Deutschland: Zhenqi Barthel.  Foto: ddp, ddp
Sie wurde in China geboren und spielt nun beim olympischen Tischtennisturnier in China für Deutschland: Zhenqi Barthel. Foto: ddp, ddp

Peking „Lulu“ hätte gern ihre Eltern getroffen. Doch sie hat keine Karten mehr bekommen. Das olympische Tischtennisturnier war im Nu ausverkauft. Pech für Zhenqi Barthel, wie „Lulu“ mit richtigem Namen heißt. Und eben beim Namen wird die Geschichte ein wenig kompliziert.

Als Zhen Qi Sun kam sie am 9.Januar 1987 in Laimin bei Schanghai zur Welt. Doch im Alter von 15 Jahren nutzte sie die Chance, aus dem Schanghaier Sportinternat für eine Zeitlang - so hatten sich die Chinesen das jedenfalls gedacht - zur Homberger Turnerschaft in Hessen zu wechseln.

In Deutschland fühlte sie sich frei. Sie blieb einfach bei den Barthels, ihrer Pflegefamilie. Sie flüchtete. Hartmut und Margot Barthel adoptierten sie und schenkten ihr einen neuen Namen. Jetzt spielt „Lulu“ für Deutschland bei den Olympischen Spielen in China. Und sie hat vier Elternteile, wie sie betont, und in Düsseldorf eine neue Heimat gefunden.

Es ist gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten im olympischen Multikultigewusel. Reiterin Katharina Offel aus dem rheinischen Lohmar etwa schloss sich erst am Wochenende der ukrainischen Equipe an. Der Berliner Rafed El-Masri, dessen Eltern aus Syrien stammen und der für das vorderasiatische Land 2004 bei den Spielen in Athen startete, bekam vom Internationalen Olympischen Komitee auf den letzten Drücker noch grünes Licht, für Deutschland zu schwimmen.

Nationalitätenwechsel scheinen kaum noch etwas anderes zu sein als Klubtransfers. Aber warum sollte das im olympischen Sport auch anders sein als bei der Fußball-Nationalelf? Die in Polen geborenen Lukas Podolski und Miroslav Klose bildeten mit dem spanischstämmigen Mario Gomez und Kevin Kuranyi, der in Rio de Janeiro das Licht der Welt erblickte, ja den EM-Sturm.

Rund jedes zwölfte Mitglied des deutschen Olympia-Aufgebots (siehe nachfolgende Liste) wurde außerhalb der Bundesgrenzen geboren. Manche Trainer wehrten sich gegen Einbürgerungen, gaben der Versuchung dann aber doch nach.

In Ermangelung heimischer Talente ließ Handball-Bundestrainer Heiner Brand den Weißrussen Andrej Klimovets mit deutschen Papieren ausstatten. Der amerikanische Basketballprofi Chris Kaman (Los Angeles Clippers) spricht zwar praktisch kein Wort deutsch, steht aber zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“ stramm. Erst zum Olympia-Qualifikationsturnier bekam er das Startrecht für das Land seiner Urgroßeltern.

Die Liste der Wechsler ist lang: Boxer (die Riege besteht durchweg aus Zuwanderern), Ringer, Leichtathleten, Turner. Am tollsten treiben es aber die Tischtennisspieler. Rund 70 Prozent der Teilnehmerinnen am olympischen Turnier in Peking stammen aus Asien, schätzt Damen-Bundestrainer Jörg Bitzigeio. Und von denen wiederum kommen die allermeisten aus der Volksrepublik China.

Bei europäischen Spitzenturnieren stehen sich deshalb häufig gebürtige Asiatinnen in den Finalpartien gegenüber. Oftmals trauen sich die Auswandererinnen nicht, gegen die Konkurrentinnen aus dem Mutterland zu gewinnen. Bitzigeio unterscheidet zwischen zwei Typen. Kritisch betrachtet er die Legionärinnen, die nur zu den Spielen eingeflogen werden, sich aber nicht integrieren lassen und von deren Kunst die Teamkameradinnen im Training auch nicht profitieren können.

Zum anderen sind da wirkliche Auswanderinnen, die sich ganz für ihre neue Nation einbringen. Wu „Dudu“ Jiaduo zum Beispiel, neben Zhenqi „Lulu“ Barthel die zweite gebürtige Chinesin im dreiköpfigen deutschen Olympiateam. Acht Jahre wartete Wu Jiaduo auf ihren neuen Pass, bis sie 2005 für Deutschland spielen durfte. Bitzigeio betont: „Wir unterscheiden in unserer Mannschaft nicht nach Deutschen und Chinesinnen. Wir haben nur Deutsche.“


Sie wurden nicht in Deutschland geboren (Name, Geburtsort, Sportart)

Huaiwan Xu, Guiyang/China, Badminton
Demond Greene, Hood/USA, Basketball
Chris Kaman, Grand Rapids/USA, Basketball
Konrad Wysocki, Rzesow/Polen, Basketball
Konstantin Buga, Nowoselskoje/Kasachstan, Boxen
Jack Culcay-Keth, Ambalu/Ecuador, Boxen
Wilhelm Gratschow, Taschkent/Usbekistan, Boxen
Rustam Rahimow, Duschanbe/Tadschikistan, Boxen
Nicolas Limbach, Eupen/Belgien, Fechten
Fatmire Bajramaj, Gjurakovc/Kosovo, Fußball
Artyon Shaloyan, Gymri/Armenien, Gewichtheben
Matthias Steiner, Wien/Österreich, Gewichtheben
Almir Velagic, Livno/Bosnien-Herzogowina, Gewichtheben
Andrej Klimovets, Gomel/Weißrussland, Handball
Tomasz Wylenzek, Swierklaniec/Polen, Kanu
Florence Ekpo-Umoh, Lagos/Nigeria, Leichtathletik
Alexander Kosenkow, Tokmak/Kirgisien, Leichtathletik
Anastasija Reiberger, Omsk/Russland, Leichtathletik
Lilli Schwarzkopf, Nowopokrowka/Kirgisien, Leichtathletik
Meredith Michaels-Beerbaum, Los Angeles/USA, Springreiten
David Bichinaschwili, Tiflis/Georgien, Ringen
Konstantin Schneider, Frunse/Kirgisien, Ringen
Lenka Wech, Falkenau/Tschechien, Rudern
Munkhbayar Dorjsuren, Ulan-Bator/Mongolei, Schießen
Sarah Poewe, Kapstadt/Südafrika, Schwimmen
Marko Savic, Belgrad/Serbien, Wasserball
Thomas Schertwitis, Alma-Ata/Kasachstan, Wasserball
Alexander Tchigir, Moskau/Russland, Wasserball
Pawel Brendler, Swidnik/Polen, Wasserspringen
Pavlo Rozenberg, Winnyzaja/Ukraine, Wasserspringen
Zhenqi Barthel, Laimin/China, Tischtennis
Dimitrij Ovtcharov, Kiew/Ukraine, Tischtennis
Jiaduo Wu, Zhejan/China, Tischtennis
Daria Bijak, Ratibor/Polen, Turnen
Oksana Chusovitina, Buchara/Usbekistan, Turnen
Eugen Spiridonow, Tscheljabinsk/Russland, Turnen
Anna Dogonadze, Mzcheta/Georgien, Trampolin

Quelle: RP

 
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