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Olympia 2016
Allein auf dem Trampolin

Leonie Adam bei Olympia 2016: Allein auf dem Trampolin
Leonie Adam ist in Rio ein Ein-Frau-Team. FOTO: dpa, cdt kno
Rio De Janeiro. Leonie Adam ist die einzige von 451 Olympiastartern, die Deutschland in einer Sportart in Rio ganz alleine vertritt. Dabei war der Start gar nicht eingeplant. Von Stefan Klüttermann

Es gibt da dieses Foto aus der örtlichen Lokalzeitung. Leonie Adam sitzt lächelnd auf der schwarzen Ledercouch der elterlichen Wohnung in Filderstadt. Sie hat eine schwarz-rot-goldene Aloha-Kette um den Hals und einen Blumenstrauß mit den olympischen Ringen in der Hand. Das war Anfang Mai, und die 23-Jährige hatte erst gut drei Wochen Übung darin, zu verarbeiten, dass sie Deutschland tatsächlich bei den Olympischen Spielen in Rio vertreten wird. Im Trampolinturnen. Als einzige Starterin des DOSB, und damit als einziges Eine-Frau-Team im deutschen Kader, denn Trampolinturnen - erst seit 2000 olympisch - wird getrennt vom Turnen und der Rhythmischen Sportgymnastik als eigene Sportart im aktuellen Wettkampf-Kanon von Sommerspielen aufgeführt.

"Natürlich hätte ich gerne noch einen Turner dabeigehabt, aber auch so bin ich ja nicht alleine. Ich habe meinen Trainer Michael Kuhn dabei, und mit den Mädels der Rhythmischen Sportgymnastik verstehe ich mich auch gut", sagt Adam wenige Tage vor dem Olympia-Auftakt. Einsam fühlt sie sich nicht. Es hätten im Optimalfall eh höchstens zwei Frauen und zwei Männer für Deutschland starten können, "aber davon waren wir ohnehin nicht ausgegangen", erzählt Adam. Doch während die Männer ihre Rio-Chance mit einem schwachen Abschneiden bei der WM 2015 im dänischen Odense verspielten, qualifizierte sich Adam an selber Stelle durch das Erreichen des WM-Halbfinales für den Testwettkampf im April in Rios Olympiazentrum in Barra. Und dort sicherte sich die Turnerin des MTV Stuttgart schließlich ihr Ticket.

Dieses Ticket war so eigentlich gar nicht eingeplant. "Eigentlich war alles auf Tokio 2020 ausgerichtet, insofern ist die Qualifikation für Rio wie ein großes Geschenk für mich", sagt sie. Vorfreude, Stolz, Anspannung und natürlich Nervosität, irgendwo dazwischen befindet sich gerade die Gefühlslage der BWL-Studentin, die für Olympia ein Urlaubssemester einlegt. Am 6. August geht der Flieger, am 12. August findet der Wettkampf statt. 16 Frauen sind am Start, acht qualifizieren sich für das Finale. Und Adam? Sie geht ihre Premiere unter den fünf Ringen so nüchtern wie möglich an. "Ich habe meine Nervosität gut im Griff, denke ich. Und ich weiß ja auch, dass ich realistisch keine Finalchance habe", sagt die EM-Siebte von Valladolid aus diesem Jahr. Eine Medaille, ja gar die Goldene wie sie Anna Dogonadze 2004 in Athen für Deutschland holte, ist für Adam unerreichbar.

Für Hirngespinste und Träumereien ist aber bei Adam eh kein Raum, wenn es um den olympischen Wettkampf geht. Zu sehr liegt der Fokus auf Pflicht und Kür, bei denen in jeweils knapp 19 Sekunden je zehn Sprünge in bestmöglicher Ausführung aufs Trampolin gebracht werden müssen. Einfach-, Zweifach-, sogar Dreifach-Salti, mit und ohne Drehung. "Ich bleibe bei meiner EM- und WM-Kür, da geht es jetzt um den Feinschliff", sagt die 1,62 Meter große Schwäbin. Für einen Blick auf die Konkurrenz bleibt da keine Zeit. "Grundsätzlich schaue ich nur auf mich", sagt sie.

Dass ihr aber im Gegenzug auf der Bühne Olympia so viele Menschen wie nie zuvor zuschauen werden, das freut sie einfach - für sich selbst und auch für ihre Sportart. "Dass der Fokus aktuell stärker auf uns liegt als sonst, ist doch toll. Auf unserer Sportart liegt ja normalerweise überhaupt kein Fokus", sagt Adam. Viele wüssten ja nicht einmal, dass Trampolinturnen eine olympische Disziplin ist. Dabei, findet Adam, "kommen wir mit unserer Sportart dem Fliegen am nächsten". Jedenfalls näher als Fußballer wie Miroslav Klose oder Pierre-Emerick Aubameyang, wenn sie Tore mit einem anschließenden Salto feiern. "Ich finde es cool, dass sie das können", sagt Adam schmunzelnd, "auch wenn man da jetzt keine Technik bewerten sollte."

Ihre Eltern reisen mit nach Rio. Auch die drei Geschwister und deren Partner. Und noch eine Freundin. Auch abseits des Wettkampfes wird sich Leonie Adam also nicht allein fühlen. Obwohl sie Deutschlands einziges Eine-Frau-Team ist.

Quelle: RP
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