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Alfons Hörmann im Interview
"Für viele Fußballer ist Olympia das Größte"

Olympia 2016: Alfons Hörmann: "Für viele Fußballer ist Olypia das Größte"
DOSB-Präsident Alfons Hörmann hofft auf ein gutes deutsches Abschneiden in Rio. FOTO: Christoph Schmidt
Düsseldorf. DOSB-Präsident Alfons Hörmann sprach ein halbes Jahr vor den Spielen in Rio de Janeiro mit unserer Redaktion. Von Martin Beils und Stefan Weigel

Es kann gut sein, dass es heute in einem halben Jahr die ersten Medaillen für das deutsche Olympiateam gibt. Im Degenfechten der Damen etwa, falls sich die Leverkusenerin Britta Heidemann noch auf den letzten Drücker qualifiziert. Am 6. August finden in Rio de Janeiro die ersten Siegerehrungen der Spiele statt. Der Deutsche Olympische Sportbund hat sich zum Ziel gesetzt, mindestens so gut wie 2012 in London abzuschneiden. Alfons Hörmann (55), Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, schaut im Gespräch mit unserer Redaktion auf die Spiele und sportpolitische Probleme.

Hörmann über die Aussichten des deutschen Teams: Es wird ein hartes Ringen. Wir werden aber mit einer schlagkräftigen Mannschaft antreten. Es freut mich, dass die Handballer als fünftes Ballsport-Team dabei sind. Das ist gut für die Stimmung und für die Größe des Olympia-Teams. Die Frage wird aber auch sein, welche anderen Mannschaften teilnehmen. Noch ist zum Beispiel offen, ob die russischen Leichtathleten nach den Dopingfällen antreten dürfen.

. . . über einen Ausschluss der russischen Leichtathleten: Es liegt emotional nahe zu sagen: Das wäre richtig. Ich glaube aber nicht, dass diese Position zu halten ist. Ist es rein rechtlich überhaupt möglich, Athleten, die bislang nicht auffällig geworden sind, von den Spielen auszuschließen? Meine langjährige Erfahrung aus der Verbandstätigkeit sagt mir, dass Athleten, die zum Sportgerichtshof Cas gehen und dort ihre Teilnahme an den Spielen einklagen, relativ gute Karten haben. Ein anderer Weg für die russischen Leichtathleten zu Olympia würde sich öffnen, wenn sich in deren nationalem Verband in den kommenden Monaten vieles grundlegend ändert. Ich vermute, dass wir die Russen in Rio dann wohl doch sehen werden.

. . . über die deutschen Olympia-Fußballer (die Bundesliga hat noch nicht entschieden, welche Profis sie abstellt): Für viele junge Fußballer wird es auf ihrem Karriereweg ein ganz besonderes Erlebnis sein, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Für manch einen wird es sogar der große Höhepunkt der Laufbahn sein. Ich verstehe natürlich auch die Vereine, die ihre Spieler brauchen. Aber man muss den Horizont weiten und die einmaligen Perspektiven für die Spieler sehen.

. . . über Wildcards im Qualifikationsmodus für Weltmeisterschaften und Olympia etwa im Handball und Basketball: Alles, was nicht lupenrein nach dem leistungssportlichen Prinzip ausgetragen wird, wirft Fragen auf. Wenn die Spielregeln von Anfang an klar sind und sauber gehandhabt werden, muss und kann man auch damit leben. Es liegt an den internationalen Fachverbänden, die Regeln frühzeitig und klar zu definieren und umzusetzen. Ich persönlich favorisiere den rein leistungssportlichen Wettbewerb.

. . . über den wegen Korruption angeklagten ehemaligen Weltleichtathletik-Chef Lamine Diack: Hoffentlich gibt es nicht noch einen zweiten Diack. Ich bin und war nicht nah genug an der Leichtathletik, um beurteilen zu können, ob jeder gewusst hat, dass er korrupt war. Man müsste Insider in der jeweiligen Sportart sein, um die Situation vollständig korrekt beurteilen zu können.

. . . über Sepp Blatter: Im Fall Blatter ist bis heute nicht der Nachweis erbracht, dass er persönlich unsauber gearbeitet hat. Das sehe ich bei Diack anders - auch wenn es jetzt hart klingt, da noch eine Hitliste aufzustellen.

. . . über Korruption in weniger populären Sportarten: In Sportarten, die weniger Interesse auf sich ziehen, ist die Gefahr nicht minder groß. Die Gefahr von Wettmanipulation ist zum Beispiel im dritt- oder viertklassigen Bereich, wo kaum Interesse da ist, viel größer als in den Topligen, in denen das Geld auf andere Art verdient wird.

. . . darüber, dass ab 2018 dreimal hintereinander Olympia in Asien stattfindet: Wir dürfen uns darüber nicht beklagen. Wir hatten die Möglichkeit mit den Bewerbungen Münchens und Hamburgs und haben sie - wie auch einige Nachbarländer - nicht genutzt. Wir mögen es bedauern, dass es dreimal Asien geworden ist. Für den Winter 2022 standen gar keine europäischen Alternativen mehr zur Verfügung. Ein Wechsel der Spiele über die Kontinente wäre sicher nicht nur mir lieber.

. . . über eine neue deutsche Olympia-Bewerbung: Es ist sicher nicht sinnvoll, das Thema für alle Zeiten auszuschließen. Genauso wenig sinnvoll ist es, jetzt in eine neue Bewerbung hineinzuspringen. Wir müssen nun erst einmal Sportdeutschland ohne Heimspiele professionell weiterentwickeln und abwarten, wie die Entscheidung im kommenden Jahr um die Sommerspiele 2024 ausfällt. Dann sehen wir klarer und weiter.

. . . über den Tour-de-France-Start in Düsseldorf: 2017 wird das eines der ganz großen Sportereignisse. Düsseldorf setzt damit als Sportstadt ein bemerkenswertes Ausrufezeichen. Wir begrüßen das. Deutschland steht nach den schwierigen Jahren erkennbar wieder zum Radsport. Eine wichtige Frage, die noch beantwortet werden muss, ist, ob die öffentlich-rechtlichen Sender wieder umfangreich wie früher übertragen.

. . . über Kritiker, die sagen, die Millionen, die Düsseldorf für den Tour-Start zahlt, wären besser angelegt in der Sportinfrastruktur: Das ist als Forderung verständlich und akzeptabel. Aus Sicht des DOSB sage ich: Tut das eine, ohne das andere zu lassen. Man sagt uns immer, das Geld sei nur einmal da. Aber die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Effekte des Sports sind so groß, dass man beides tun kann.

. . . über Sporthallen als Unterkünfte für Flüchtlinge: Wo humanitäre Not keine andere Wahl zulässt, muss man die Hallen als Unterkünfte nutzen. Und wenn das zeitlich überschaubar ist, gibt es an vielen Stellen so viel Solidarität unter den Vereinen, dass sie einander helfen. Inakzeptabel wird es dort, wo man entweder leichtfertig den Weg des geringsten Widerstandes geht und einfach die Turnhallen belegt, oder wo man sich keine Gedanken darüber macht, was gesellschaftlich kaputtgehen kann. In Bremen waren zum Beispiel kurz vor Weihnachten gut 70 Prozent der Dreifachturnhallen mit Flüchtlingen belegt. Da kann man sich vorstellen, wie sich das auf den Sport und die gesamte Stadt auswirkt.

. . . über seine Schlüsse aus der Diskussion: In diesem Thema zeigt sich, welche Priorität der Sport für die jeweils Verantwortlichen hat. Der Sport kann sein großes Potenzial in der Integration nur dann entfalten, wenn die Sportstätten zur Verfügung stehen, um gemeinsam aktiv Sport zu treiben. Wenn sich Menschen nicht mehr in der gewohnten Form bewegen können, wird der Punkt kommen, an dem die Stimmung in den Vereinen und damit auch in den Kommunen kippt.

Quelle: RP
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