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Mitreißendes Olympia-Finale
Kerber beißt bis zum Ende auf die Zähne

Bilder: Kerber kann bei Siegerehrung wieder lachen
Bilder: Kerber kann bei Siegerehrung wieder lachen FOTO: dpa, ase
Rio de Janeiro. Tennis bei Olympia? Nicht mit uns, hatten einige Top-Spieler vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro gesagt. Angelique Kerber wollte dagegen unbedingt dabei sein. Auch wenn sie den Kampf um Gold verlor, lieferte sie gemeinsam mit Monica Puig beste Argumente für die Sportart. Von Stefan Klüttermann

Es waren letztlich nur knappe fünf Stunden innerhalb eines langen Tennisjahres. Nur zwei Spiele über jeweils drei Sätze, die an diesem Nachmittag auf dem olympischen Centre Court in Barra über die Bühne gingen. Aber es war auch irgendwie mehr. Denn das, was zunächst Rafael Nadal und Martin del Potro in einem atemberaubenden Drei-Stunden-Halbfinale der Männer sowie anschließend Angelique Kerber und Monica Puig in einem nicht minder mitreißenden Frauenfinale über zwei Stunden vor restlos begeistertem Publikum leisteten, taugte zur Grußbotschaft an all ihre Kollegen, die die Teilnahme an den Spielen in Rio mit kreativen wie leicht als fadenscheinig zu entlarvenden Begründungen abgesagt hatten.

Nadal hatte schon weit im Vorfeld von Rio mit Kopfschütteln auf die Absagen namhafter Kollegen reagiert. "Ich verstehe Leute nicht, die nicht zu Olympia wollen. Das ist etwas, das nicht alle Jahre stattfindet. Ein Event, an dem du ein, zwei oder mit Glück vielleicht drei Mal in deiner Karriere teilnehmen kannst", hatte der Spanier gesagt, der hier in Rio bei der Eröffnungsfeier im Maracana-Stadion Fahnenträger seines Landes gewesen war und dabei gestrahlt hatte wie ein Honigkuchenpferd.

Und indem er sich nun – angefeuert von den brasilianischen Zuschauern – auf höchstem Niveau mit dem Argentinier del Potro behakte, verlieh Nadal diesen Worten auf dem Platz den größtmöglichen sportlichen Nachdruck, unabhängig davon, dass er am Ende eines denkwürdigen Spiels im Tie-Break des dritten Satzes unterlag. "Ich habe jeden Tropfen Energie gegeben, um eine Medaille für mich und Spanien zu gewinnen", sagte Nadal hinterher. Was bei anderen wie kitschiger Pathos geklungen hätte, passte bei ihm ins olympische Gesamtbild.

Später am Abend sollte Kerber etwas ganz Ähnliches sagen: "Ich bin stolz darauf, hier bei Olympia Deutschland vertreten zu haben und eine Medaille mit nach Hause zu nehmen." Es war zwar nicht die Medaille, die sie angestrebt hatte, schließlich wollte die 28-Jährige als erste Deutsche seit Steffi Graf 1988 in Seoul wieder einen Olympiasieg im Tennis verbuchen, aber Kerber war nach der Dreisatz-Niederlage gegen eine fulminant aufspielende Puerto-Ricanerin Monica Puig mit sich im Reinen – enttäuscht zwar, aber doch mit sich im Reinen. "Ich habe bis zum letzten Punkt gekämpft, aber sie war besser und hatte es am Ende auch verdient zu gewinnen", sagte die Weltranglistenzweite.

In diesem Moment sprach da die Angelique Kerber des Jahres 2016. Es ist eine Kerber, die merklich gereift ist, auf und neben dem Platz – selbst im Angesicht einer bitteren Niederlage wie dieser bei Olympia. Denn selbst so eine Niederlage ordnet die Linkshänderin inzwischen ins große Ganze ein, und das liest sich in diesem Jahr unzweifelhaft positiv. "Aus Rio mit einer Medaille zurückzukehren, fühlt sich ganz speziell an. Und dann habe ich ja auch noch die Australian Open gewonnen und im Wimbledon-Finale gestanden. Das ist eines der besten Jahre meiner Karriere", sagte "Angie".

Wo sie sich noch in nicht allzu ferner Vergangenheit von eigenen Fehlern aus der Fassung bringen ließ, da ist sie inzwischen gelassener geworden. Da behält sie ihre Marschroute unbeirrt bei. So wie gegen Puig, die an diesem Abend den Ball regelrecht prügelte. Fast wie ein Jim Courier in seinen besten Zeiten. Als dann bei Kerber auch noch der Rücken zwickte und sie sich behandeln lassen musste, war klar, dass es für die Deutsche ein Abnutzungskampf werden würde, dieses olympische Finale. Aber diesen Kampf nahm sie an, das stand für Beobachter eh außer Frage, denn dass die Weltranglistenzweite eine ist, die auf die Zähne beißen kann, diesen Ruf hat sie längst weg auf der Tour. Es ist ein Ruf, der viel heller klingt als der, ein Nervenbündel zu sein, das sich selbst im Weg steht.

Doch an diesem Abend reichte kämpfen und gut spielen nicht. Denn Puig, die Nummer 34 der Welt, bestach mit einer Schlaghärte und einer Genauigkeit, gegen die letztlich kein Gras gewachsen war. Es war, als würde Kerber gegen eine Ballmaschine agieren. "Das ist unglaublich. Ich weiß, dass sich mein Leben von jetzt an ändern wird", sagte die 22-jährige Puig mit der Goldmedaille um den Hals. Es war der Schlusssatz unter dieses Werbevideo von vier Klassespielern für ihre Sportart. Und es war ein letzter Seitenhieb an all die Absager für Rio. Denn ob sich beispielsweise durch eine Teilnahme beim parallel zu Olympia stattfindenden Turnier in Los Cabos (Mexiko) das Leben eines Tennisspielers ändern wird, ist dann doch eher fraglich.

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