| 00.05 Uhr

Deutscher Boxer gewinnt Bronze
Harutyunyan: "Gehöre jetzt zu den Besten der Welt"

Boxer Harutyunyan jubelt nach Niederlage im Halbfinale
Boxer Harutyunyan jubelt nach Niederlage im Halbfinale FOTO: dpa, nic
Rio de Janeiro. Das Trikot klebte durchnässt vom Schweiß am Körper, über dem linken Augen klaffte ein Cut: Artem Harutyunyan sah nach seiner Niederlage im Olympia-Halbfinale von Rio aus wie ein Geschlagener, doch er fühlte sich wie ein Gewinner. "Mein großer Traum von einer Medaille hat sich erfüllt. Ich gehöre jetzt zu den Besten der Welt", sagte der Bronze-Boxer.

Gegen Lorenzo Sotomayor Collazo aus Aserbaidschan war der Weltergewichtler aus Hamburg jedoch chancenlos, die Chance auf Gold schrumpfte von Runde zu Runde. Ein unglücklicher Treffer durch Sotomayors Ellbogen trübte ihm früh die Sicht. Doch Harutyunyan lamentierte nicht, er gratulierte dem Neffen des kubanischen Hochsprung-Weltrekordlers Javier Sotomayor fair: "Er war leider ein bisschen zu groß für mich."

Kubaner gewinnt alle drei Runden

Die 13 Zentimeter unterschied – und damit Harutyunyans deutlich kleinere Reichweite – sorgten vor 500 Zuschauern für einen einseitigen Kampf. Alle drei Runden gingen an den gebürtigen Kubaner, der im Finale der Klasse bis 64 kg auf Fazliddin Gaibnazarow (Usbekistan) trifft.

Harutyunyan freut sich unterdessen über seine Bronzemedaille, die er bereits vor dem Halbfinale sicher hatte. Belohnen wollte er sich "mit einem Wodka und einem entspannten Abend". Neben Harutyunyan erhält auch der Russe Witali Dunaizew Bronze. Letztmals Gold gab es für deutsche Boxer bei Olympia 1992 in Barcelona durch Torsten May und Andreas Tews.

Harutyunyan hat sich nicht nur seinen Medaillentraum erfüllt, er hat auch die Bilanz der deutschen Boxer bei Olympia halbwegs gerettet. Alle fünf weiteren deutschen Faustkämpfer waren zuvor jeweils schon in der ersten Runde ausgeschieden. Dem Deutschen Boxsport-Verband (DBV) drohte ein Debakel, doch dank der Medaille sind auch die Zielvereinbarungen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erfüllt.

Harutyunyan gilt als bester deutscher Amateurboxer. Im vergangenen Jahr hatte sich der Hip-Hop-Fan in seiner Heimatstadt Hamburg den WM-Titel in der neu gegründeten Profi-Serie PBA des Amateur-Weltverbandes AIBA gesichert. Er tritt normalerweise im Ring sehr selbstbewusst auf und sucht ständig die Offensive.

Für den DBV ist das gute Abschneiden des Hamburger Jung besonders wichtig. Im kommenden Jahr finden in Hamburg die Weltmeisterschaften der Amateure statt. Mit Harutyunyan haben die Gastgeber nun einen hochdekorierten Vorzeige-Athleten, der im Vorfeld ordentlich die Werbetrommel rühren soll.

Kostenloses Training für Flüchtlinge

Harutyunyan hat sich in seinem Leben im wahrsten Sinne des Wortes durchgeboxt. Im Alter von einem Jahr kam er nach Deutschland, in den ersten sechs Jahren lebte seine Familie in einem Container. Sein Vater arbeitet heute noch als Taxifahrer. Auch Bruder Robert ist ein guter Amateurboxer, verpasste die Qualifikation für Rio aber knapp.

Der Normalausleger hat nie vergessen, wo er herkommt. Im vergangenen Jahr bot er mit seinem Bruder Flüchtlingen ein kostenloses Training an. "Ich weiß, wie es ist, wenn man in ein fremdes Land kommt. Das ist manchmal auch ziemlich langweilig. Dagegen will ich etwas tun", sagte Harutyunyan.

Nach dem Ende der Olympischen Spiele steht für den Boxer ein wichtiger privater Termin an. Er will seine Freundin Karina heiraten, die viel Sachverstand in die Ehe einbringt: Sie ist die Tochter des früheren Profi-Boxweltmeister Artur Grigorian.

(seeg/sid)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Olympia 2016: Artem Harutyunyan erfüllt sich seinen Traum


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.