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Olympia in Rio
Der ganz normale Hockey-Wahnsinn

Deutsche Hockey-Herren nach Krimi im Halbfinale
Deutsche Hockey-Herren nach Krimi im Halbfinale FOTO: dpa, msc
Rio De Janeiro. In den letzten 43 Sekunden macht Deutschland aus dem 1:2 gegen Neuseeland ein 3:2 - Halbfinale. Von Bernd Jolitz

Valentin Altenburg bekommt die absolute Krönung gar nicht mit. Unmittelbar nachdem Kapitän Moritz Fürste 43 Sekunden vor dem Ende des olympischen Hockey-Viertelfinales das 2:2 gegen Neuseeland erzielt hat, greift sich der Bundestrainer seine Taktiktafel und überlegt fieberhaft, wen er im nun scheinbar sicheren Penaltyschießen ins Rennen schicken soll. Das Spielfeld behält der 35-Jährige gar nicht mehr im Blick - doch das hätte er besser tun sollen. Denn Fürste fängt den letzten Angriff der geschockten Neuseeländer ab, passt kurz vor dem eigenen Gehäuse zu Tobias Hauke, der einen langen Ball auf Timur Oruz spielt. Nur Oruz und Florian Fuchs fahren diesen allerletzten Konter, doch das reicht. Oruz flankt einfach in die Mitte, der Ball fliegt an fünf Gegenspielern vorbei, und Fuchs lenkt ihn ins Tor. 1,6 Sekunden vor dem Spielende.

"Ich habe den Ball gar nicht gesehen", berichtet Fuchs später. "Als ich mitgekriegt habe, dass Timur das Ding nach innen drischt, habe ich nur den Schläger hingehalten und gespürt, dass der Ball dagegenschlägt. Dann sah ich, dass er über die Torlinie rollt und dachte mir: Das gibt's doch alles gar nicht."

Im deutschen Hockey gibt's freilich alles. Das hat sich ja schon in der Gruppenphase gezeigt, als Christopher Rühr mit dem letzten Angriff der Partie das 2:1 gegen Indien erzielte. 4,7 Sekunden vor Schluss war das - doch diesmal toppt das Duo Oruz/Fuchs diesen Wert noch einmal locker. Rühr erinnert sich nach dem Viertelfinal-Coup gern an den ersten Teil des deutschen Hockey-Wahnsinns in Rio: "Ich hab' euch doch schon gegen die Inder gesagt: Die Deutschen sind erst geschlagen, wenn sie im Bus sitzen."

Auf dem Trittbrett ihres Busses standen sie gegen Neuseeland allerdings schon. Nach Treffern von Hugo Inglis und Shea McAleese lag das Team vom fünften Kontinent 2:0 vorn und hielt diesen Abstand bis vier Minuten vor dem Ende. Dann aber setzt Fürste seine erste Strafecke zum 1:2 ins Tor und startet damit die mitreißende Aufholjagd. "In meiner ganzen Karriere ist es mir noch nie gelungen, einem Torhüter bei einer Strafecke durch die Beine zu schießen", erzählt der Hamburger kopfschüttelnd. "Ausgerechnet bei dieser einen Ecke klappt es zum ersten Mal. Wahnsinn." Womit er das bei den Deutschen beliebteste Wort des Abends ausspricht.

43,2 Sekunden vor dem Ende entscheidet sich Fürste für einen Schlenzer, der Erfolg ist der gleiche: 2:2, der Rest ist bekannt. Als das deutsche Team nach dem Drama einen Kreis bildet, spricht der Kapitän bewegende Worte: "Mir ging schon durch den Kopf: Das sollen nun deine letzten fünf Minuten im deutschen Trikot sein? Aber jetzt will ich nur noch mit euch Jungs eine olympische Medaille holen." Trainer Altenburg hat sich zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder beruhigt, nachdem er zuvor jedem Spieler in die Arme gesprungen ist, der in seine Nähe kam - und die Tränen liefen allen dabei über die Gesichter.

Viel Zeit bleibt nicht, die unglaublichen Emotionen des Viertelfinales in kühle Motivation umzusetzen. Bereits heute um 17 Uhr steht das Halbfinale an, gegen Argentinien, das den Deutschen in der Vorrunde ein 4:4 abtrotzte. Hauke ist sicher: "Das wird ein geiles Spiel." Wer dagegen wettet, ist selbst schuld.

Quelle: RP
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