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Deutscher Fehlstart in Rio
Dramen und Tränen schon am ersten Tag

Verletzungs-Drama um Turner Toba
Verletzungs-Drama um Turner Toba FOTO: ap
Rio/Düsseldorf. Medaillen waren am ersten Wettkampftag bei den Olympischen Spielen in Rio aus deutscher Sicht noch nicht eingeplant – dass sie ausblieben, ist deshalb zu verschmerzen. Und doch vergossen die deutschen Athleten reihenweise Tränen. Es waren keine Freudentränen. Von Antje Rehse

Der erste Tag im Olympia-Becken von Rio wurde für die deutschen Schwimmer zum Desaster, beim Turnen spielten sich wahre Dramen ab und im Schießen fehlte weniger als ein Millimeter zur Medaille. Und wenn sich nicht einmal die so verlässlichen Vielseitigkeitsreiter und ihre Pferde über die richtige Gangart einigen können, dann weiß man: Es war kein guter Tag aus deutscher Sicht.

Drama um Toba

Turner Andreas Toba wurde in der "Rio Olympic Arena" zum ersten deutschen Helden der Spiele – und weinte doch "wie ein kleines Kind". Bei einer unglücklichen Landung nach einem Element am Boden riss er sich das vordere Kreuzband im rechten Knie. Auch der Meniskus bekam etwas ab. Toba musste die Übung abbrechen, verließ das Podium von Helfern gestützt. Doch zur Überraschung aller rappelte er sich noch einmal auf und ging ans Pauschenpferd, um dort seine Übung zu absolvieren. Trotz der komplexen Knieverletzung holte er an diesem Gerät die beste Wertung des deutschen Teams, das nun auch dank seines Einsatzes im Mannschaftsfinale steht.

Für Toba brach dennoch eine Welt zusammen. "Die Schmerzen im Knie sind groß, aber die Schmerzen in mir sind unbeschreiblich und viel größer", sagte er. Sportdirektor Wolfgang Willam lobte: "Er hat bewiesen, dass er ein Kämpferherz hat und kein Weichei ist." Trotz der Schwere der Verletzung plant Toba offenbar weiterhin, beim Team-Finale am Montag erneut am Pferd zu turnen.

Bretschneider fliegt bei Bretschneider ab

Das Reck ist sein Gerät, der Doppelsalto mit zwei Schrauben sogar nach ihm benannt. Doch ausgerechnet der "Bretschneider 1" wurde Turner Andreas Bretschneider zum Verhängnis. Nach der Ausführung seines Elements rutschte er von der Reckstange, weil das Timing nicht hundertprozentig stimmte. Der Traum von der Medaille innerhalb einer Millisekunde zerplatzt, das Risiko nicht belohnt. Direkt vor ihm patzte auch Marcel Nguyen schwer. Der Silbermedaillen-Gewinner von London im Mehrkampf hatte aber anders als Bretschneider nicht alle Hoffnungen in den Wettkampf am Reck gelegt.

Einige Minuten brauchte Bretschneider nach seinem Absturz, um sich zu sammeln. Mit hängendem Kopf stand er mit dem Rücken zur Kamera und stützte sich mit den Armen auf. Dann schluckte er seine eigene Enttäuschung herunter und feuerte Fabian Hambüchen an, der dank einer Glanzleistung den Sprung ins Reckfinale schaffte. Bretschneider steht immerhin im Mehrkampffinale. Medaillenchancen hat der Reckspezialist da aber nicht.

Verhängnisvoller Delfinkick

Erst Rekord, dann bittere Tränen: Jacob Heidtmann erlebte innerhalb weniger Augenblicke die ganze Bandbreite der Olympia-Emotionen. Der 21-Jährige aus Elmshorn schlug im Vorlauf über 400 m Lagen zwar nach 4:11,85 Minuten in deutscher Rekordzeit an, doch das Aus folgte kurz darauf: Wegen zwei Delfinkicks bei der Brustwende wurde er disqualifiziert und verließ weinend die Arena.

"Ich habe ihm gesagt, er soll ins olympische Dorf zurückfahren, soll sich etwas nehmen, was aus Pappe und nicht teuer ist, und das kaputt machen. Er soll seinen Frust dran auslassen", sagte  Bundestrainer Henning Lambertz, der von einer Tatsachenentscheidung sprach. 

Bei Heitdmann war es Pech, bei den anderen deutschen Schwimmern fehlte es schlicht und einfach an Geschwindigkeit. Sechs von sieben schieden im Vorlauf aus. Nur Brustschwimmer Christian vom Lehn kam über 100 Meter Brust immerhin ins Halbfinale. "Es ist überhaupt kein Spiegelbild für dieses Team. Ich hoffe, ein bisschen darauf, dass das ganze Ding eine andere Dynamik bekommt, wenn Paul ins Wasser geht", sagte Lambertz. Paul Biedermann greift am Sonntag über 200 Meter Freistil in das Geschehen ein und zählt zu den Medaillenanwärtern.

Tierisches Missverständnis

Sie galten als DER deutsche Gold-Garant. Doch am ersten Tag lief es für die Vielseitigkeistreiter alles andere als rund. Doppel-Olympiasieger Michael Jung und die amtierende Weltmeisterin Sandra Auffarth leisteten sich in der Dressur schwere Patzer und verpassten die angestrebte Doppel-Führung. Jungs Sam wollte beim Außengalopp in den fliegenden Wechsel übergehen und musste vom Reiter durchpariert werden. Auffarth und Opgun Louvo ließen beim Wechsel wichtige Punkte liegen.

Jung sammelte 40,80 Strafpunkte, bei Auffarth waren es 41,70 – beides im Normalfall zu wenig, um im Kampf um Einzel-Gold dabei zu sein. "Das war ein sehr teures Missverständnis zwischen Sam und mir", sagte Jung, der aber noch alle Chancen auf eine Topplatzierung sieht: "Ich hoffe natürlich, dass keine weiteren Patzer mehr folgen. Man muss jetzt weiterkämpfen."

Verflixte Milimeterentscheidung

Um eine Winzigkeit verpasste Barbara Engleder die erste deutsche Olympia-Medaille. "Noch nicht einmal ein Millimeter hat gefehlt", sagte die 33-Jährige nach ersten Medaillen-Entscheidung im Luftgewehr-Wettkampf über die Zehn-Meter-Distanz. Der Ärger war aber schnell verraucht. Denn die Sportschützin, die von einer Grippe geschwächt in den Wettkampf ging, hat in diesem Jahr weitaus Schlimmeres erlebt. Beim Hochwasser Anfang Juni in ihrer Heimatstadt Triftern bangte sie nicht nur um ihr Hab und Gut. "Mich hat's auch erwischt. Ich hatte nur zehn Minuten Zeit, dann wurde evakuiert", sagte sie.

Mit dem Sportgewehr will sie im Dreistellungskampf nachlegen. "Ich habe jetzt Blut geleckt, eine Medaille ist drin." 

(areh)
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