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Erstmals seit 1980 ohne Medaille
Die deutschen Fechter sind abgehängt – und die Basis bricht weg

Olympia 2016: Die deutschen Fechter sind abgehängt – und die Basis bricht weg
Max Hartung musste sich im Achtelfinale geschlagen geben. FOTO: dpa, mr
Rio de Janeiro . Die deutschen Fechter stehen nach der Pleite von Rio vor einer schwierigen Zukunft. Auf dem Weg zurück zu alter Stärke könnte Claudia Bokel eine entscheidende Rolle einnehmen.

Die Bilanz ernüchternd, die Zukunft düster: Die Enttäuschung über die ersten medaillenlosen Olympischen Spielen seit 36 Jahren war noch nicht mal ansatzweise verdaut, da fürchteten die deutschen Fechter schon das nächste Horrorszenario. "Wenn wir noch weniger Mittel bekommen, werden wir noch weniger konkurrenzfähig sein", sagte Sportdirektor Sven Ressel dem SID: "Wir haben die Sorge, dass wir möglicherweise in der einen oder anderen Disziplin Abstriche machen müssen, was ich für fatal halten würde."

Noch weniger Geld für den dringend notwendigen Umbruch? Das wäre für die einstige deutsche Vorzeigesportart der nächste, eventuell entscheidende Rückschlag auf dem Weg zurück in die Weltspitze. Der wird ohnehin lang und steinig - soll aber womöglich unter der Führung der ehemaligen Weltklassefechterin Claudia Bokel begangen werden.

Die Weltmeisterin von 2001 und Olympiazweite im Team 2004 denkt offenbar über eine Kandidatur für das Präsidentenamt des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB) nach. "Das scheint so zu sein. Ich würde mich freuen, wenn sie das Amt übernimmt", sagte Ressel: "Sie ist eine Frau vom Fach. Grundsätzlich würde das dem Fechten gut tun." Gewählt wird im September.

Sollte Bokel, zuletzt Vorsitzende der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), den Posten tatsächlich übernehmen - es würde eine Menge Arbeit auf die 42-Jährige zukommen. Von der Weltspitze sind die Deutschen außer im Herrensäbel weitestgehend abgehängt worden. Die Sportart, die Olympiasieger wie Thomas Bach, Anja Fichtel oder Britta Heidemann hervorbrachte, ist von den erfolgreichen Zeiten soweit entfernt wie seit Jahrzehnten nicht.

Amateure gegen Fecht-Profis

In vielen Ländern gehen inzwischen Fecht-Profis an den Start, Verbände investieren Millionen - eine Entwicklung, die in Deutschland verschlafen wurde. Erfolge von Top-Athleten wie Peking-Olympiasiegerin Heidemann übertünchten die Defizite.

Doch die bittere Wahrheit ist: In Deutschland sind die Bedingungen für die Athleten im internationalen Vergleich zweitklassig. Die Auswirkungen waren in Rio deutlich zu sehen: Lediglich vier deutsche Fechter hatten sich überhaupt qualifiziert. Und diese wenigen Trümpfe stachen nicht.

Der viermalige Einzel-Weltmeister Peter Joppich (Koblenz): Aus im Florett-Achtelfinale. Die beiden Säbelfechter Max Hartung und Matyas Szabo (beide Dormagen): Verloren trotz guter Leistungen im Achtel- und Viertelfinale. Die Florettfechterin Carolin Golubytskyi (Tauberbischofsheim): Mit Verdacht auf Außenbandriss im ersten Gefecht ausgeschieden.

Ein bis zwei Medaillen war das vor der Qualifikation ausgegebene Medaillenziel. Es wurde klar verfehlt. Grundlegend verändert hätte für die Zukunft allerdings auch Edelmetall nichts. "Ob wir jetzt Medaillen geholt hätten oder nicht - wir wissen, dass wir einiges ändern müssen", sagte Ressel.

Athletensprecher Hartung ergänzte: "Wir müssen hart arbeiten. Im Säbel haben wir recht gute Karten für 2020, in den anderen Waffen muss viel passieren. Uns bricht ein bisschen die Basis weg." Ressel malte schwarz. Mit einem "Medaillen-Rausch" wie einst sei "nicht vor 2024" zu rechnen.

(sid)
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