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Interview mit Sprinter Reus
"Das Drumherum blende ich aus"

Porträt: Julian Reus: Deutschlands Rekord-Sprinter
Porträt: Julian Reus: Deutschlands Rekord-Sprinter FOTO: dpa, lix hak jai
Rio de Janeiro. Der beste deutsche Sprinter Julian Reus verrät im Interview mit unserer Redaktion, warum es für ihn nicht wichtig ist, irgendwann unter zehn Sekunden zu laufen. Das Thema Doping ist allgegenwärtig, doch er will die Leichtathletik nicht darauf reduzieren. Von Stefan Klüttermann

Heute beginnt die Leichtathletik in Rio. Ist sie immer noch das Herzstück der Spiele?

Julian Reus Klar, aufgrund der Historie steht die Leichtathletik im Zentrum der Olympischen Spiele, aber ich finde, jede Sportart, die bei Olympia vertreten ist, hat ihre Aufmerksamkeit verdient, weil sie auch zum Gesamtbild Olympia beiträgt.

Wie sehr haben die negativen Schlagzeilen rund um die Dopingvergehen der russischen Leichtathletik ihrer Sportart in den vergangenen Monaten geschadet?

Reus Speziell zum Fall Russland habe ich mich nicht geäußert, und dabei bleibe ich auch. Aber das Thema Doping ist ja nicht erst jetzt durch Russland aufgekommen, das gibt es ja schon länger, gerade wenn man sich die Sprintdisziplinen anguckt. Ich werde inzwischen quasi bei jeder Gelegenheit auf dieses Thema angesprochen, und manchmal habe ich das Gefühl, die Leichtathletik wird nur noch auf Doping reduziert.

Verlieren Sie deswegen nicht manchmal den Spaß an dem, was sie tun?

Reus Nein. Ich habe einfach eine andere Motivation, diesen Sport zu betreiben. Ich empfinde seit Kindertagen eine unglaubliche Leidenschaft für die Leichtathletik und einen starken inneren Antrieb, diesen Sport auszuüben und schnell zu rennen. So schaffe ich es, das ganze negative Drumherum immer wieder auszublenden.

In Deutschland selbst scheint die Leichtathletik gerade so etwas wie eine kleine Renaissance zu erleben. Es gibt frische Gesichter und neue Erfolge.

Reus Das sehe ich auch so. Die Leichtathletik ist wieder gefragt. Und wenn man sich die internationalen Rahmenbedingungen anguckt, kann man es gar nicht hoch genug bewerten, dass man es in Deutschland schafft, unsere Leistungen differenziert zu betrachten. Gerade auch die Zuschauer.

Dürfen diese Zuschauer dann im Gegenzug auch einen Usain Bolt gut finden?

Reus Das muss jeder selbst entscheiden, ob er ihn gut findet oder nicht, da kann ich den Leuten ja nicht ihre Meinung vorschreiben.

Dürfen die Zuschauer Bolt gut finden, weil er unglaubliche Hebel besitzt? Und die Doping-Verdächtigungen trennt man eben davon?

Reus Ich glaube schon, dass er eines der größten Sprinttalente ist, die es gibt, gerade aufgrund seiner Hebel. Fakt ist auch, dass er über all die Jahre kein einziges Dopingvergehen hat, von daher ist jede Spekulation darüber unseriös. Dass die Dopingkontrollen in Jamaika als unzureichend in der Kritik stehen, ist eine andere Sache. Aus all diesen Aspekten kann sich dann jeder sein eigenes Bild machen.

Sie waren bei der WM im Vorjahr in Peking der erste Deutsche im Halbfinale seit 1983. Fühlen Sie sich eigentlich genug geschätzt?

Reus Meist bemisst einen die Öffentlichkeit am maximalen Erfolg, also ob man im WM-Finale steht oder bei Olympia eine Medaille holt. Das ist für mich als Sprinter nahezu unmöglich, denn die internationale Spitze ist eben ein, ja zwei Schritte voraus. Deswegen muss man etwas finden, worüber man sich letztlich selbst wertschätzt. Für mich ist wichtig: Wie stabil bin ich in meinen Leistungen? Mir ist es gelungen, seit 2012 jedes Jahr unter 10,10 Sekunden zu laufen, was für mich unglaublich ist.

Sie haben Ihre Bestzeit auf 10,01 Sekunden geschraubt, die Neun vor dem Komma kommt näher. Welche Rolle spielt diese Schallmauer?

Reus Die Neun vor dem Komma spielt für mich nur insofern eine Rolle, als ich in jedem Interview darauf angesprochen werde. Denn man kann eine solche Zeit einfach nicht planen, dafür hängt ein perfektes Rennen an zu vielen Faktoren: Bahn, Zeitpunkt, Form oder Wind. Ich kann in der Form meines Lebens sein, wenn ich zwei Meter Gegenwind habe, werde ich nicht unter zehn Sekunden laufen können. Ich werde alles versuchen, noch schneller zu laufen, aber ich werde meine Karriere im Rückblick nicht danach bewerten, ob ich die Zehn-Sekunden-Grenze habe knacken können.

Eine Bestzeit unter zehn Sekunden dürfte bei der Selbstvermarktung helfen. Oder muss man heute zwingend ein extrovertierter Typ wie Robert Harting sein, um aufzufallen?

Reus Das glaube ich nicht. Bei Robert Harting ist das einfach sein Naturell. Wichtig wird immer erst die Leistung sein, ansonsten kann man große Töne spucken, wie man will.

Ohne große Töne zu spucken - was ist für Sie drin?

Reus Ich will für mich gute Einzelrennen machen, dann wird auch das Ergebnis stimmen. In der Staffel kann man konkreter werden. Da wollen wir in den Endlauf kommen und dann wie bei der WM auch gerne um eine Medaille mitlaufen.

Quelle: RP
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