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Schützin Monika Karsch
Nicht qualifiziert und trotzdem Silber

Silber rührt Sportschützin Karsch zu Tränen
Silber rührt Sportschützin Karsch zu Tränen FOTO: dpa, ab mr
Rio De Janeiro/Düsseldorf. Monika Karsch verdankt ihre Teilnahme nur einem Tausch des Quotenplatzes mit den Gewehrschützen. Die Regensburgerin schießt sich mit der Sportpistole dennoch bis ins Finale. Eine olympische Geschichte. Von Patrick Scherer

Olympia lebt von Überraschungen. Von Geschichten, die das Herz erwärmen. Von unbekannten Persönlichkeiten, die ins Rampenlicht rücken und sich einen Traum erfüllen. Monika Karsch hat genau so eine Geschichte geschrieben. Mit feuchten Augen blickt sie etwas ungläubig auf die Silbermedaille, die ihr kurz zuvor um den Hals gehängt wurde. Mit der Sportpistole hat sie sich überraschend zum größten Erfolg ihrer Karriere geschossen.

Karschs gelebtes Märchen begann schon vor den Spielen in Rio de Janeiro. Die 33-Jährige hatte sich nicht für das olympische Turnier qualifiziert. Dennoch durfte sie starten. Eine Sonderregelung des Schieß-Weltverbands ISSF machte das möglich. Da in den Gewehrwettbewerben jeweils ein Doppelstarter (Barbara Engleder und Daniel Brodmeier) vertreten ist, beantragte der Deutsche Schützenbund (DSB) beim Weltverband erfolgreich einen Tausch des Quotenplatzes. Und als einzige Weltcup-Finalistin 2016 stand Karsch ganz oben auf der Liste. Ausschlaggebend dafür war ihr vierter Platz beim Weltcup im April - ausgerechnet in Rio. So durfte die Regensburgerin erneut die Reise nach Brasilien antreten. "Denen muss ich jetzt richtig einen ausgeben. Das wird richtig teuer für mich", sagte Karsch in Richtung Engleder und Brodmeier.

Das Startrecht dann aber in eine Medaille umzumünzen, hatte Karsch ganz allein sich selbst zu verdanken. Und dabei zeigte sie Nervenstärke. Auch ein Waffendefekt beim Probeschießen vor dem Halbfinale und der anschließende Wechsel zum Ersatzgerät erhöhten ihren Ruhepuls von unter 50 Schlägen pro Minute nicht. "Ich bin halt ein Organisationstalent", sagte sie.

Ihre sympathische Lockerheit unterstrich die Sportsoldatin, indem sie ihre knappe Finalniederlage sportlich nahm. Das lag auch an der Gegnerin, der griechischen Olympiasiegerin Anna Korakaki. Beide kennen sich aus der Bundesliga, Karsch schießt für die HSG Regensburg, Korakaki für den SV Waldkirch, man versteht sich.

Und so hatte Karsch auch keine Probleme zuzugeben, wem die Sympathien nicht galten. "Ach übrigens", sagte sie mit leiser Stimme, "ich freue mich schon, dass keine Chinesin gewonnen hat." Und es war nicht etwa persönliche Abneigung Triebfeder ihrer Aussage. Doch dass die Weltranglistenerste Zhang Jingjing nur Vierte geworden war, nahm Karsch schon mit ein wenig Schadenfreude zur Kenntnis. "Man hat manchmal das Gefühl, dass die Chinesen so stark sind, dass man sie nicht schlagen kann", erklärte sie.

Karsch erwies auch den deutschen Schützen einen Dienst und nahm ihnen den Erfolgsdruck. Vier Jahre nach der historischen Pleite in London 2012, als der DSB erstmals seit 1964 ohne Olympia-Medaille blieb, sorgte Karschs Finalteilnahme auf der Schießanlage in Deodoro für entspannte Gesichter. "Ich bin sehr erleichtert, die erste Olympia-Medaille seit acht Jahren", sagte DSB-Sportdirektor Heiner Gabelmann. "Jetzt ist der große Druck vom Team erstmal weg. Natürlich hat jeder Starter in seiner Disziplin seinen eigenen Erfolgsdruck auszuhalten. Aber die Medaille von Monika war schon enorm wichtig."

Karsch bekundete, dass sie den Ort, an dem sie ihre Erfolgsgeschichte schrieb, nun näher kennenlernen will, ehe sie zu ihren Kindern Lina (3) und Bruno (5) nach Deutschland zurückkehrt. "Ich habe hier ja noch nicht viel erlebt", sagte sie. Das ist freilich Ansichtssache.

Quelle: RP
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