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Deutsche Handballer in Rio
Silvio Heinevetter ist der Stellvertreter

Olympia 2016: Silvio Heinevetter ist der Stellvertreter
Silvio Heinevetter ist in Rio als Ersatzmann für Andreas Wolff dabei. FOTO: dpa, ss
Rio De Janeiro. Für viele steht Silvio Heinevetter klar im Schatten von Andreas Wolff. Doch seine Rolle im Handball-Tor ist sehr wichtig. Von Stefan Klüttermann

In der Halbzeitpause dreht Olympia-Maskottchen Vinicius völlig am Rad. Zu Party-Klängen aus den Hallen-Lautsprechern verdreht sich das gelbe, katzenähnliche Fabelwesen im Anwurfkreis der Future-Arena in Verrenkungen, dass man Mitleid mit dem Menschen im Plastikkostüm bekommen muss. Ähnlich verrenkt ist auch das, was die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei ihrer 30:33-Niederlage gegen Gastgeber Brasilien zuweilen als Abwehrleistung anbietet. Ausgerechnet die Abwehr, "die ist ja eigentlich unsere Stärke", klagt Bundestrainer Dagur Sigurdsson.

Am Samstag (14.30 Uhr deutscher Zeit) gegen die in Rio dreimal siegreichen Slowenen muss für die DHB-Auswahl dann auch wieder dringend Zählbares herausspringen, will sie in einer ausgeglichenen Vorrundengruppe den Einzug ins olympische Viertelfinale nicht noch mal ernsthaft gefährden.

Keine Kritik an Torhüter-Duo

Aus der Kritik an der Abwehr ausgenommen sind hier in Rio de Janeiro ausdrücklich die beiden Torhüter Andreas Wolff und Silvio Heinevetter. Mit ihrem unterschiedlichen Naturell bieten sie Sigurdsson verschiedene Optionen für verschiedene Szenarien an - das hat der bisherige Turnierverlauf schon gezeigt.

In den ersten Partien gegen Schweden und Polen hatte Wolff seinen Anteil daran, dass das deutsche Team auch die kritischen Phasen im Spiel überstand und jeweils als Sieger die Halle verließ. Im Hexenkessel gegen den Gastgeber gab Sigurdsson nun Heinevetter den Vorzug. "Heine war gut drauf, und diese Atmosphäre passte zu seinem Charakter", begründete der Isländer die Entscheidung für den Schlussmann der Füchse Berlin.

Das ist Silvio Heinevetter FOTO: dapd, Manu Fernandez

Heinevetter, der Extrovertierte zwischen den Pfosten. Er, der aus der Anfeuerung einer ganzen Halle für den Gegner Energie für das eigene Spiel zu ziehen scheint. Wenn die Welt gegen ihn ist, ist "Heine" am besten. So hielt er vor den Augen von Paul Biedermann, Martin Kaymer und etlicher anderer Mitglieder der Olympiamannschaft eine Halbzeit lang gegen die Brasilianer vorzüglich, bevor seine Vorderleute ihre Arbeit irgendwann allzu nachlässig verrichteten. "Dem ist Heine dann in der zweiten Halbzeit zum Opfer gefallen", musste DHB-Sportchef Bob Hanning konstatieren.

"Wir haben verloren, da ist alles gesagt"

So sehr Heinevetter während der 60 Minuten auch aus sich herausgeht, pausenlos hadernd, anfeuernd, resignierend, reklamierend, so nüchtern ist er danach. "Wir waren vogelwild teilweise", sagte er nach langem Überlegen. Und wie er denn seine eigene Leistung gesehen habe? "Wir haben verloren, da ist alles gesagt", sagte der 31-Jährige. Das ist für ihn keine Floskel, das meint er wirklich so.

Im überbordenden Hype um Wolff, dem dieser seit seinen starken Leistungen auf dem Weg zum Europameistertitel in Polen Ende Januar begegnet, war Heinevetter zuletzt fast untergegangen. Eine Wahrnehmung, die Ex-Nationalspieler Torsten Jansen so nicht ganz passend findet. "Es ist immer ein Torwartgespann. Es werden auch Spiele kommen, die für Andreas vielleicht schlechter laufen. Umso wichtiger wird die Rolle von Heine sein. So ein Turnier ist lang, und es kann viel passieren", sagte der frühere Linksaußen und Silbermedaillengewinner von Athen 2004 unserer Redaktion.

Wolff ist der Medienstar

Doch Wolff ist eben im Licht der Öffentlichkeit die klare Nummer eins. Der 25-Jährige, der ab der neuen Saison in Kiel spielt, war in den vergangenen Monaten medial derart präsent, dass er sich mit Ankunft in Rio eine sechstägige Schweigepflicht verordnete. Er habe schlicht bei den vielen Anfragen niemanden benachteiligen wollen, sagte er danach. Eine Abstinenz also aus Höflichkeit und Selbstschutz. "Ich will mich auf das Sportliche konzentrieren", sagte er. Deswegen hatte Wolff auch die Eröffnungsfeier sausen lassen, er habe seinen Schlafrhythmus nicht gefährden wollen, hieß es.

So omnipräsent Wolffs Gesicht bis Rio auch war, in der Halle ist er nicht der große Showman. Er bringt die Gegner vielmehr dadurch aus der Ruhe, dass die irgendwann daran zweifeln, wie dieser Bär von Mann überhaupt aus der Ruhe zu bringen ist. Dass der gebürtige Euskirchener mit 25 noch lange nicht am Zenit seines Könnens angekommen ist, davon ist auch Jansen überzeugt. Ist Wolff gar einer vom Kaliber eines Andreas Thiel oder Henning Fritz, also der ganz Großen im deutschen Handballtor? "Er hat eine immense Entwicklung hinter sich und ist ehrgeizig genug, um irgendwann in dieser Reihe zu stehen", sagt Jansen.

Bis es so weit ist, müssen Wolff und Heinevetter aber dieser Tage erst einmal mithelfen, die Abwehr bei Olympia in Rio wieder zu stabilisieren. Denn die Verrenkungen wollen sie alle beim DHB schon ab Samstag wieder nur dem Maskottchen überlassen.

Quelle: RP
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