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Speerwurf-Olympiasieger
Goldjunge Röhler sieht sich nicht als Retter der Leichtathletik

Alle Olympiasieger von Rio de Janeiro
Alle Olympiasieger von Rio de Janeiro FOTO: dpa, hpl
Rio de Janeiro.  44 Jahre nach Klaus Wolfermanns Triumph in München hat Thomas Röhler olympisches Speerwurf-Gold geholt. Für die deutschen Leichtathleten war Röhler das Beste, was passieren konnte.

Thomas Röhler strahlte bis über beide Ohren, sein Gesicht glühte vor Aufregung und Stolz. "Nach 44 Jahren haben wir wieder einen Speerwurf-Olympiasieger, und das bin ich", sagte Röhler. Immer wieder griff er nach der Goldmedaille an seiner Brust, als wolle er sich versichern, dass wirklich alles wahr sei. War es: "Und das ist ein unglaublich gutes Gefühl."

In einer magischen Nacht in Rio hatte der 24-Jährige den Wettkampf seines Lebens hingelegt: Olympiasieg mit fabelhaften 90,30 m, der Befreiungsschlag für Deutschlands taumelnde Leichtathleten, das erste Speer-Gold seit dem großen Klaus Wolfermann 1972 in München.

Klaus Wolfermann bei den Olympischen Spielen 1972 in München. FOTO: dpa, hrad jhe

"Natürlich kenne ich seinen Kampf gegen Janis Lusis damals", sagte Röhler ehrfurchtsvoll und musste beinahe daran erinnert werden, dass er nun selbst zu den ganz Großen gehört. "Ich gratuliere von Herzen. Super, klasse. Er hat es verdient", sagte Wolfermann.

Widersacher Yego verletzt sich

Wie einst Wolfermann übernahm Röhler im fünften Versuch die Führung, er warf seinen lila geringelten Lieblingsspeer hinter die 90-Meter-Marke. Wo 1972 Sowjetwerfer Lusis noch einmal im letzten Versuch bis auf zwei Zentimeter herankam, konnte in Rio der bis dahin mit 88,24 m führende kenianische Weltmeister Julius Yego nicht mehr kontern - er hatte sich im vierten Durchgang verletzt. "Wie ich hat er im fünften Versuch voll draufgehauen, da habe ich meiner Frau Friederike vorher noch zugerufen: jetzt! Da hat er alles gezeigt, alle Energie in den Speer gebracht", sagte Wolfermann.

"Ich bin zwar schon mit einem guten Gefühl aufgewacht, aber der Druck hätte nicht größer sein können - ich hatte einen richtig schweren Rucksack an", sagte Röhler mit Blick auf seine zuvor enttäuschenden Teamkollegen: "Ich will aber jetzt nicht sagen, dass ich eine ganze Sportart gerettet habe."

Weinender Yego wird im Rollstuhl aus dem Stadion gefahren FOTO: dpa, gh

Röhler, dieser blitzgescheite und smarte Thüringer, war das Beste, was den deutschen Leichtathleten zum Abschluss Olympischer Spiele passieren konnte, in denen sie nicht immer glücklich auftraten. Röhler meisterte am größten Abend seiner sportlichen Laufbahn alles, was über ihn hereinbrach, mit professioneller Lockerheit. Zwischen den beiden deutschen Leichtathletik-Siegen in Rio lagen sieben Tage, zwischen den beiden Siegern Welten.

Wo Diskuswerfer Christoph Harting nach seinem Gold-Coup die Medien brüskiert und sich bei der Siegerehrung latent daneben benommen hatte, beantwortete Röhler auch die zehnte Nachfrage höflich: "Auch wenn ich nicht weiß, wie lange meine Stimme noch hält." Auf dem Podest hatte er vor lauter Ergriffenheit immer wieder die Augen geschlossen, wirkte fassungslos vor Glück. Man konnte, wollte und musste sich einfach mit ihm freuen.

Zweitbeste deutsche Weite

Sein Olympiasieg ist logischer Höhepunkt eines stetigen Aufstiegs. Der Hobby-Fotograf und begeisterte Fliegenfischer, der in Jena Sport und Wirtschaft studiert, hatte sich über 83,95 (2013), 87,63 (2014) und 89,27 (2015) auf erzielte 91,28 m gesteigert, er wurde zweitbester Deutscher der Geschichte nach Raymond Hecht (92,60).

Anders als einst Hecht ist Röhler, der erst spät vom Dreisprung zum Speer kam, kein Kraftwerfer, sondern extrem dynamisch und in der Schulter so beweglich, dass er sein 800 Gramm schweres Arbeitsgerät besonders lange beschleunigen kann - Ergebnis jahrelanger Tüftelei mit Trainer Harro Schwuchow und Experten des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig.

Nach Rio wird weitergetüftelt, denn Rio soll nur der Auftakt gewesen sein: "Ich bin noch ein sehr, sehr junger Werfer - der Speerwurf fängt gerade erst an", sagte Röhler. Die Konkurrenz darf es als Drohung auffassen.

(sid)
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