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Diskussion um Sportförderung
Was ist uns eine Goldmedaille wert?

Olympia 2016: Was ist uns eine Goldmedaille wert?
Ex-Schwimmer Markus Deibler beschwerte sich bei Facebook über die Situation in Deutschland und klagte die Kritiker an. FOTO: Ferl
Düsseldorf. Der ehemalige Schwimmer Markus Deibler kritisiert die Sportförderung in Deutschland. Seine These: In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000, muss man sich über fehlende Medaillen nicht wundern. Von Robert Peters

Vielleicht muss Elmar Gasimov dem Sportkameraden Lukas Krpalek langsam richtig böse sein. Nicht nur, dass der Judoka aus Aserbaidschan dem Tschechen vor zwei Jahren im Finale der Europameisterschaft unterlag. Er verlor nun auch noch den Endkampf der schweren Jungs bis 100 Kilo bei Olympia in Rio. Das ist nicht nur sportlich bitter, sondern auch finanziell. Denn Gasimov hätte ein reicher Mann werden können. 450.000 Euro ist in Aserbaidschan eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen wert.

20.000 Euro für eine Einzel-Goldmedaille

Deutsche Sportler werden bei Olympia nicht reich, jedenfalls nicht durch die Prämien der Sporthilfe. Darauf hat der ehemalige Schwimmer Markus Deibler gerade mal wieder aufmerksam gemacht. 20.000 Euro zahlt die Stiftung Deutsche Sporthilfe einem Athleten für eine Einzel-Goldmedaille. Über die Prämien in Mannschaftssportarten entscheidet ein Gutachter-Ausschuss. Mehr als 20.000 Euro gibt es auf keinen Fall, Doppel- und Dreifach-Olympiasiege zahlen sich also nicht aus.

Darüber muss man sich in einem wohlhabenden Land sicher nicht beschweren. Verhungert ist noch kein Olympia-Teilnehmer. Nicht einmal die Sportler, die nun in Rio kollektiv an Medaillen vorbeischwammen, sind ernsthaft von Armut bedroht.

Auf existenzielle Probleme wollte Deibler aber auch nicht hinweisen, als er nach dem schwachen Abschneiden der Schwimmer und der folgenden Kritik diesen schweren Satz bei Facebook schrieb: "In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000 Euro, sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern."

Schräger Vergleich

Das ist natürlich ein schräger Vergleich. Dschungelkönige werden von der im Privatfernsehen hochaktiven Werbewirtschaft bezahlt, das offenbar interessierte Publikum leistet die Gegenfinanzierung. Das ist reiner Kapitalismus. Von furchtbar viel Geschmack zeugt das nicht. Aber es hat eine Bedeutung für die Gesellschaft, die Markus Deibler sicher nicht bestreiten wird. Denn er ist ein kluges Kerlchen. Und er hat einen außergewöhnlichen Lebenslauf. Neun Tage nach der Weltmeisterschaft auf der kurzen Bahn und dem Weltrekord über 100 Meter Lagen erklärte er 2014 seinen Rücktritt vom Hochleistungssport und widmete sich fortan dem Betrieb seiner Eisdiele im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Man darf annehmen, dass ihm die Wirklichkeit außerhalb des Sports durchaus geläufig ist.

Deshalb hat er bewusst einen schrägen Vergleich gewählt, der ihm Aufmerksamkeit sichert. Die kleine Provokation ist ein zartes Stückchen Gesellschaftskritik, indem sie ein paar Feststellungen trifft, die hinter dem Satz gut zu hören sind.

Die erste Feststellung: Olympische Sportarten treten zwar alle vier Jahre mit Produkten der Unterhaltungsindustrie in den Medien, vor allem im Fernsehen, in Konkurrenz, deshalb können sie allerdings noch lange nicht den Rang des Showgeschäfts im allgemeinen Interesse beanspruchen. Möglicherweise wollen sie es ja auch gar nicht.

Die zweite Feststellung ist eine Frage: Warum meckern die, die für tolle Einschaltquoten und geschäftlichen Erfolg des Dschungelcamps und anderer Formate sorgen, alle vier Jahre über Sportler, die sie in der Zwischenzeit nicht wahrnehmen?

Die dritte Feststellung: Es ist ungerecht, wenn eine Gesellschaft sich über sportliche Misserfolge beklagt, wenn sie nicht bereit ist, zumindest Gründe dafür anzuerkennen. Die liegen ganz sicher in einer vergleichsweise schwächeren finanziellen Ausstattung deutscher Olympia-Athleten. Aller Wahrscheinlichkeit nach profitieren einige Länder darüber hinaus von einem eher liberalen Umgang mit leistungssteigernden Mitteln.

Die vierte Feststellung: Medaillen bleiben die olympische Währung. Da kann der DOSB-Präsident Alfons Hörmann noch so sehr Auftreten und sportliche Moral preisen, gesehen werden Sieger, allenfalls noch Zweite und Dritte.

Damit müssen die Athleten leben. Sie spielen in der deutschen Sportöffentlichkeit alle vier Jahre eine Rolle. Davor und danach stehen sie im tiefen Schatten des Profifußballs. Das bejammern zurzeit auch große Teile des Fußball-Volks. Aber nur bis Ende nächster Woche. Dann ist Olympia vorbei, Deutschland schaut Fußball und zwischendurch mal Dschungelcamp. Die das beklagen, sind selbst daran schuld. Eigentlich wir alle.

Quelle: RP
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