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Willi Lemke im Interview
"Medaillenspiegel gehört abgeschafft"

Das ist Willi Lemke
Das ist Willi Lemke FOTO: dapd
Rio de Janeiro. Der Sonderbotschafter der Vereinten Nationen über die Russland-Entscheidung des IOC, die Gier nach Erfolg und die deutschen Chancen auf eine erneute Olympia-Bewerbung. Von Gianni Costa

Willi Lemke hat es aufgegeben, sich zu viele Gedanken über seinen Terminplan zu machen. Er ist als Sonderbotschafter Sport der Vereinten Nationen im Auftrag von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon derzeit bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro. Viel Zeit, sich die Wettkämpfe anzusehen, bleibt dem 69-Jährigen jedenfalls nicht.

Herr Lemke, sind Sie froh, zurzeit nicht in der Haut von IOC-Präsident Thomas Bach zu stecken?

Willi Lemke (lacht) Ja, aber das hat ausschließlich damit etwas zu tun, dass ich mich in meiner so wohl fühle.

Bach wird vorgeworfen, er habe mit der russischen Regierung gekungelt, um den vollständigen Ausschluss des Landes von den Olympischen Spielen zu verhindern.

Lemke Einspruch. Das stimmt nicht. Außerdem hat er die Entscheidung nicht allein gefällt. Die Abstimmung in der IOC-Session in Rio hat das nachdrücklich belegt. Ich denke, dass der Beschluss angemessen ist.

Sie sind also der Meinung, ein Land wie Russland hat sein Startrecht bei einem sportlichen Großereignis nicht verwirkt, obwohl man systematisches Doping in den vergangenen Jahren nachweisen konnte?

Lemke Ja, es wäre nicht richtig gewesen, alle russischen Sportler zu suspendieren. Damit hätte man auch Unschuldige in Sippenhaft genommen - ein solches Verfahren lehne ich strikt ab. Wirklich schlecht gelaufen ist der zeitliche Ablauf. Am Ende war so wenig Zeit für abgewogene Entscheidungen, dass alles etwas überstürzt wirkte.

Im Bericht der Welt-Antidopingagentur Wada wird doch aber deutlich aufgezeigt, dass nicht einzelne Sportler sich zum Betrug verabredet haben, sondern der russische Staat Initiator und Organisator war. Müssen deshalb nicht die Sanktionen viel weitreichender sein?

Lemke Derartige Machenschaften sind völlig unakzeptabel und müssen bestraft werden. Die Systeme müssen konsequent aufgebrochen werden. Jetzt steht Russland stark im Fokus, aber es gibt auch noch andere Länder auf der Welt, die unter ähnlichem Verdacht stehen. Ich will damit lediglich sagen, das Problem betrifft nicht nur Russland, und es gilt, dieses weltweit zu bekämpfen.

Welches Zeichen ist denn angemessen, um Täter abzuschrecken?

Lemke Die öffentliche Ächtung von Betrügern ist ein sehr wirkungsvolles Mittel. Glauben Sie nicht, dass die Russen sich in der Situation besonders wohl fühlen. Für internationale Wettkämpfe wäre es einfach - wer zwei Mal als Doper erwischt wurde, darf nie wieder bei einem internationalen Wettkampf antreten.

Der frühere Spitzenfunktionär Hans Wilhelm Gäb hat beklagt, dass sich die Politik noch nie so intensiv wie jetzt in den Sport eingemischt hat. Teilen Sie seinen Eindruck?

Lemke Ich schätze Gäb, aber da bin ich anderer Meinung. Ich kann mich an Phasen während des Kalten Krieges erinnern, in denen der Sport weitaus mehr politisiert wurde. Politik sollte sich, soweit es geht, aus dem Sport raushalten. Die Situation des Weltsports spiegelt gut unsere Gesellschaft wider. Wir müssen den Dialog miteinander fördern und uns nicht alle in unseren Wohlfühlzonen einigeln. Die russischen Athleten komplett von den Spielen auszuschließen, wäre ein Fehler gewesen.

Was halten Sie davon, wie früher nur Amateursportlern die Startberechtigung für die Spiele zu erteilen?

Lemke Um welchen Preis? Damit hätte ein fantastischer Sportler wie der Basketballer Dirk Nowitzki niemals bei den Olympischen Spielen sein können. Er ist einer der Superstars in der NBA, ein Multimillionär, und ausgerechnet dieser Kerl hat es so unglaublich genossen, Teil der Olympischen Bewegung zu sein.

Gibt es überhaupt noch Chancengleichheit?

Lemke In Europa und Nordamerika wird viel und leidenschaftlich über Doping gestritten. Zu Recht. Auf den anderen Kontinenten geht es oft um ganz andere Fragen. Viele Entwicklungsländer haben ja in Sportarten, in denen durch perfekte Forschungsarbeit und professionelle Trainingsbedingungen Vorteile geschaffen werden, kaum noch eine Chancengleichheit.

Letztlich geht es im Sport ums Gewinnen.

Lemke In einem gewissen Maß ist das in Ordnung. Aber die Gier nach Erfolg, Macht und Geld schadet dem Sport und zerfrisst seine Werte.

Wie könnte eine Neuaufstellung aussehen?

Lemke Schaffen wir doch einfach den Medaillenspiegel ab! Warum und wofür wird der geführt? Damit am Ende Länder ihre Macht demonstrieren können. Es geht häufig nicht um den Erfolg der Sportler, sondern die Staaten versuchen, mit Hilfe dieser Erfolge die Stärke ihrer politischen Systeme zu untermauern. Für mich sind nicht Medaillen wichtig, um ein Land einzustufen, sondern z.B. wie man in der Gesellschaft mit Menschen mit Beeinträchtigungen umgeht.

In Deutschland ist der Medaillenspiegel für die Sportförderung ein elementares Messmittel. Wer besonders erfolgreich ist bei Großereignissen, bekommt eine bessere Förderung durch den Staat. Müsste nicht der schlechteste besonders viel bekommen, um sich verbessern zu können?

Lemke Eine Korrektur wäre wünschenswert. Die muss zwischen dem Bundesinnenminister und dem DOSB aber gründlich diskutiert werden. Sich nur an der Anzahl der gewonnenen Medaillen zu orientieren, ist aus meiner Sicht falsch.

Wenn Sie vom Umgang mit behinderten Menschen reden - in Brasilien sind sie im Stadtbild nicht vorhanden, weil es für sie überhaupt keine Infrastruktur gibt wie abgesenkte Bürgersteige. Haben Sie wirklich Hoffnung, dass sich daran etwas ändert?

Lemke Die Paralympics 2008 in Peking waren in diesem Sinne ein riesiger Erfolg. Durch die Spiele hat sich der Umgang mit Menschen mit Behinderungen in der chinesischen Gesellschaft positiv verändert. So etwas passiert nicht über Nacht, ein Prozess ist angestoßen worden.

Sie reisen als Sonderberater Sport des UN-Generalsekretärs seit acht Jahren um die Welt. Funktionäre sind korrupt, Sportler betrügen. Ist der Sport überhaupt noch zu retten?

Lemke Ja, wenn wir endlich wieder auf die eigentlichen Werte des Sports blicken. Es wird sehr häufig nur über die negativen Seiten des Sports berichtet. Korrupte Funktionäre und gedopte Sportler werden es nicht schaffen, die weltweite Begeisterung für den Sport zu zerstören. Sport als Teil von Erziehung und Bildung kann Brücken bauen und dient der Entwicklung der sozialen und kulturellen Kompetenz. Ganz abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten.

Also alles nicht so schlimm?

Lemke Schlimm genug! Gemeinsames Handeln ist notwendig gegen die Faktoren, die dem Sport auf allen Ebenen Schaden zufügen.

Rio kann die Krise abschütteln?

Lemke Rio erlebt das größte Fest der Jugend weltweit und seit letztem Freitag stehen endlich die Wettkämpfe im Vordergrund der Berichterstattung. Aber die Probleme des Weltsports werden hier nicht "abgeschüttelt". Das wird ein intensiver Prozess, der länger dauern wird als 17 Tage.

Unlängst haben sich die Hamburger Bürger in einem Referendum gegen Olympische Spiele entschieden. Wann wird es Spiele wieder in Deutschland geben?

Lemke Ich bin jetzt 69, ich werde das definitiv nicht mehr erleben. Vielleicht haben Sie Chancen. Wie alt sind Sie?

38.

Lemke (lacht) Da könnten Sie eventuell noch in den Genuss kommen.

Welche Reaktionen haben Sie erlebt auf das Nein zu Olympia?

Lemke Die Welt hätte es sehr gerne gesehen, wenn die Spiele nach Deutschland gekommen wären. Aber die Hamburger Bevölkerung hat sich in einem demokratischen Verfahren eben anders entschieden. Irgendwann, vielleicht in acht oder zehn Jahren, werden wir uns aber fragen müssen, ob wir in Zukunft nur noch Spiele in China, Aserbaidschan oder Katar erleben wollen. Ich meine, wenn wir die Skeptiker in unserem Land von der Bedeutung und Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele überzeugen können, dann sollten wir unbedingt unseren Hut erneut in den Ring werfen. Unseren Kindern und Enkeln zuliebe.

Quelle: RP
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