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Hexenschuss stoppt Harting
Der schmerzhafte Abgang des Diskus-Riesen

Harting erlebt Debakel in der Qualifikation
Harting erlebt Debakel in der Qualifikation FOTO: dpa, nic
Rio de Janeiro/Düsseldorf. Bei seinen letzten Olympischen Spielen scheitert Robert Harting sensationell schon in der Qualifikation. Ein Hexenschuss verhindert den goldenen Abschluss für den Diskus-Riesen. Von Gianni Costa

Robert Harting blickte bedröppelt drein. Der Diskuswerfer nahm sich ein paar Augenblicke Zeit, schrieb ein paar Nachrichten in sein Handy, blickte ins Leere. Er versuchte das gerade Erlebte irgendwie zu verarbeiten. Dann trat er vor die Kameras und hatte bereits eine durchaus präzise Diagnose parat. "Ich habe mir gestern beim Lichtausmachen einen Hexenschuss zugezogen", berichtete der Olympiasieger von 2012 gefasst, aber immer noch ein wenig fassungslos. Er habe Spritzen bekommen, aber bei so einem Malheur "kannst du als Rotationssportler nicht viel machen, ich habe keine Erklärung dafür, tut mir leid".

Das Aus für Harting ist ein heftiger Schock für die ohnehin schwer gebeutelte deutsche Leichtathletik. Harting war so etwas wie das Versprechen auf bessere Zeiten. Er hat mit seinem Selbstbewusstsein viele Probleme der Szene übertüncht. Harting war mit großen Hoffnungen nach Brasilien gereist, doch dann lief bei ihm gar nichts zusammen. Der erste Versuch war ungültig, der zweite Versuch war ungültig und der Druck vor dem allerletzten Wurf dann augenscheinlich so riesig, dass Kopf und Körper streikten. Harting fand jedenfalls nicht in den Wettkampf, sein Diskus flatterte in der Luft und landete nur bei für ihn völlig indiskutablen 62,21 Metern. Er wirkte müde, angeschlagen, ein Riese am Boden. In der Endabrechnung landete er auf Rang 15, viel zu wenig für das Finale der zwölf Besten am Samstag (15.50 Uhr MESZ). Sein Bruder Christoph schaffte dagegen die Qualifikation.

Karriereende nach der EM

Damit verabschiedete sich Harting von der olympischen Bühne. Denn der Ex-Weltmeister will spätestens nach der Europameisterschaft 2018 in Berlin seine eindrucksvolle Karriere beenden. Nach seinem Kreuzbandriss im Herbst 2014 hatte sich Harting zuletzt mühsam zurückgekämpft und eigentlich wieder um Gold bei den Spielen kämpfen wollen. "Es nervt einfach, man hat irgendwann keine Kraft mehr, sich zurückzukämpfen", sagte er nun.

Harting war sichtlich ratlos, als er geschlagen aus dem Stadion schlich. Er hatte sich so viel vorgenommen für seine Rückkehr in einen ganz großen Wettkampf. Optimistisch war er nach Brasilien gereist, hatte zuvor in einem Trainingslager in Portugal noch einmal am Feinschliff für den nächsten Coup gearbeitet. Doch der Traum vom Gold verwandelte sich am Zuckerhut dann in ein regelrechtes Drama.

Wie es weitergeht? "Ich muss mir schon eine Idee holen, wie es jetzt weitergeht, ist ja auch ein ermüdender Prozess, immer das Gleiche zu trainieren, ich wollte eigentlich mit einem schönen Moment aufhören bei Olympia", sagte Harting. Bei Olympia wird es nun nichts mehr mit dem schönen Moment, der muss nun 2018 folgen. Bei der EM in Berlin.

Schon beim Einwerfen hatte Harting gehadert, nichts klappte. Nachdenklich war er über die blaue Bahn getigert, immer wieder auf und ab gegangen, hatte die Technik imitiert und Rat bei seinem Trainer Torsten Lönnfors gesucht. Doch am Ende half es alles nichts. Dabei hatte sich Harting nach eigener Aussage lange nicht mehr so gut gefühlt, er wollte trotz aller Probleme in den vergangenen Monaten mit weiteren Knieproblemen und einer Muskelverletzung in der Brust "noch mal richtig einen raushauen". Doch es gelang ihm nicht.

Im Vorfeld hatte er fast keine Gelegenheit ausgelassen, um sich zumindest verbal auf Betriebstemperatur zu bringen. Er hatte gegen alles und jeden gewettert – inhaltlich traf er auf große Zustimmung, Art und Weise seiner Vorträge sorgten allerdings schon traditionell für größeres Kopfschütteln. Zunächst bekam IOC-Präsident Thomas Bach seinen Unmut ab, nachdem der Funktionär bekannt gegeben hatte, Russland trotz systematischen Staatsdopings zu Olympia in Rio zuzulassen. Er schäme sich für Bach, hatte Harting daraufhin erklärt. Danach knöpfte er sich auch Supersprinter Usain Bolt vor. Konkret warf Harting dem Jamaikaner mangelndes Engagement im Anti-Doping-Kampf vor. Er würde Bolt fragen, "warum er sich in keinster Weise offensiv in die Doping-Thematik einbringt", sagte der Olympiasieger der "Sport Bild". Dass Bolt sich "so raushält, macht einen doch sehr nachdenklich". Nun hat vor allem Harting viel Zeit zum Nachdenken.

(mit Agenturmaterial)
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