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Großmacht Russland
Wie Wladimir Putin den Weltsport steuert

Pressestimmen: "Fatale Entscheidung"
Pressestimmen: "Fatale Entscheidung" FOTO: dpa, gh Dok5 nic
Wer im Weltsport gegen Russland vorgehen will, braucht Mut. Denn Präsident Wladimir Putin ist auch auf internationaler Ebene bestens vernetzt.

Selbstverständlich werden nun die Bilder von 2014 herausgeholt. Und sie sagen mehr als tausend Worte. Bei der Eröffnungsfeier der Paralympics in Sotschi am 7. März 2014 saßen Russlands Staatspräsident Wladimir Putin und IOC-Chef Thomas Bach auf der Ehrentribüne des Olympiastadions, der Deutsche gab sich alle Mühe, distanziert zu wirken. Schließlich stand Putin wegen der wenige Tage zuvor angelaufenen Annexion der Krim international in der Schusslinie.

Um die Welt ging aber auch ein anderes Bild: Das von einem Empfang im Anschluss an die Eröffnungsfeier, Bach und Putin stießen lachend mit einem Glas Champagner an. Die damaligen Debatten über die extrem hohen Kosten oder das Anti-Homosexuellen-Gesetz? Schon zu diesem Zeitpunkt längst vergessen.

Russland hat viele einflussreiche Funktionäre

Denn nicht nur Bach weiß, wie wichtig Putin ist. Auch alle anderen wichtigen Entscheider im Weltsport sind sich über eines im Klaren: Russland ist extrem mächtig. In den vergangenen Tagen und Wochen war das bestens zu bestaunen. Wohl kein anderes Land wäre so glimpflich nach Beweisen für systematisches Staatsdoping davongekommen. Kein genereller Bann, über den Start russischer Sportler entscheiden derzeit die einzelnen Sportverbände - und dort hat Russland viele einflussreiche Funktionäre.

Der russische Präsident, der den Sport vor allem als Werbemaßnahme für Russland begreift, ist der vielleicht am besten vernetzte und einflussreichste Mann im Weltsport. Nach der Wahl Bachs zum IOC-Präsidenten war Putin einer der ersten Gratulanten.

Wladimir Potanin, einer der reichsten Männer Russlands, gab im Frühjahr 2014 dem Forbes-Magazin einen Einblick in das System. "Das ganze Gerede, dass man Koffer voller Geld bringt, und dann läuft alles schon - das ist Unsinn", sagte der Oligarch: "Wenn du Geld für die Organisationen gibst, bedeutet das, dass du die Möglichkeit erhältst, Wettkämpfe durchzuführen und in Führungspositionen zu kommen. Das ist viel effizienter als alle Koffer voller Geld."

Spielwiese Sport

Russland verschafft sich mit Hilfe von viel Geld zunächst Einfluss und erzeugt dann Abhängigkeit. Der Energie-Riese Gazprom gehört zu den Hauptsponsoren der Fußball-Verbände Fifa und Uefa. Neben Wladimir Potanin, der für die Olympischen Spiele in Sotschi mehrere Hundert Millionen Euro in die Errichtung des Skiresorts Rosa Chutor pumpte, verpulvern weitere Oligarchen im Sinne von Mütterchen Russland und Väterchen Putin ihr Geld auf der Spielwiese Sport.

Alischer Usmanow, einer der reichsten Russen, ist Präsident des Welt-Fechtverbandes FIE und Anteilseigner des englischen Traditionsklubs FC Arsenal. Igor Makarow ist Gründer und Geldgeber des russischen Radrennstalls Katjuscha und angeblich Unterstützer des UCI-Präsidenten Brian Cookson. Russland hat derzeit drei IOC-Mitglieder, nur die Schweiz und Großbritannien kommen auf vier.

Witali Smirnow, ein alter Kader aus der Sowjetzeit, war von 1971 bis 2015 ebenfalls IOC-Mitglied - er soll nun als Leiter der neu gegründeten russischen Anti-Doping-Kommission für sauberen Sport in seiner Heimat sorgen. Der 81-Jährige ist inzwischen IOC-Ehrenmitglied.

Dass die Fußball-WM 2018 trotz aller Skandale in Russland stattfinden wird, dafür sorgt auch der mehr als umstrittene Witali Mutko. Er ist nicht nur Sportminister seines Landes, sondern auch Mitglied der Fifa-Exekutive. Im Weltverband wirkt Mutko allen Anti-Russland-Strömungen mit aller Macht entgegen.

Der Schwimm-Weltverband FINA ehrte Putin 2014 mit dem höchsten Orden des Verbandes, kurze Zeit nach der Annexion der Krim und dem Ausbruch des Konflikts in der Ostukraine. Im Judo-Weltverband IJF ist Putin, einst selbst Judoka, Ehrenpräsident. Boss des Verbandes ist der Ungar Marius Vizer, ein enger Vertrauter des Kreml-Chefs.

Er saß sogar an der Spitze der Vereinigung der 107 internationalen Sport-Verbände (SportAccord) und war das, was Putin am liebsten hat: ein enorm einflussreicher Strippenzieher im Weltsport. Dummerweise legte sich Vizer mit dem IOC-Präsidenten Bach gleich auf mehreren Ebenen an. Er verlor den Machtkampf und musste zurücktreten. Putin hielt still - und feierte nun mit der IOC-Entscheidung einen großen Erfolg.

(sid)
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