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Nein zu Olympia
"Sport in Deutschland ist tot"

Hamburg: Nein zu Olympia schockt deutsche Sportstars
Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin Edina Müller verfolgte die Entscheidung in der Barclaycard-Arena. FOTO: dpa, ahe
Hamburg. Enttäuscht, ratlos, fassungslos - die deutschen Sportler sind nach dem klaren Nein aus Hamburg für Olympia 2024 sauer. DOSB-Vizepräsident Walter Schneeloch sorgt sich um viele Sportarten. Robert Harting spricht von einer "Vision von dicken Kindern".

"Tod des Sports", "Katastrophe", "Armutszeugnis": Nach dem Olympia-Knockout von Hamburg sitzen Schock und Frust unter den deutschen Sportstars tief. "Sport in Deutschland ist tot. Jetzt auch offiziell", twitterte Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste. Der ehemalige Weitsprung-Europameister Sebastian Bayer sprach von einer "Katastrophe. Das ist eine herbe Enttäuschung und ein klares Nein zum Sport."

Nach dem Votum der Hamburger gegen eine Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 geht die Furcht vor der ungewissen Zukunft um. Hamburg habe "eine großartige Chance verpasst hat", sagte Michael Stich dem SID: "Sowohl für die Stadt als auch für den deutschen Sport." Der Wimbledon-Sieger von 1991 ist "enttäuscht und traurig", er rechnet jetzt nicht damit, dass der dringend benötigte Ruck durch Sportdeutschland geht und etwa die Spitzensportförderung durch den Bund erhöht wird.

Vision von dicken Kindern

Reaktionen: "Vision von dicken Kindern"

Diskus-Star Robert Harting ist "maßlos enttäuscht". Die Entscheidung sei ein "Hamburger Desaster - welche Vision von sportlicher Zukunft verfolgen die Menschen in dem Land, für das ich kämpfe, überhaupt noch?", schrieb der 31-Jährige bei Facebook: "Die Vision von McDonalds und unbeweglichen Kindern, von dicken Kindern? Wahrscheinlich."

Walter Schneeloch, Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), fürchtet, dass sich das Nein negativ auf viele Sportarten Sport in Deutschland auswirkt. "Ich habe die Sorge, dass die Diskrepanz zwischen dem Profisport Fußball und den anderen Sportarten noch größer wird, gerade, was die mediale Aufmerksamkeit angeht", sagte er unserer Redaktion. Er rief den Sport dazu auf, sich "auf seine gesellschaftlichen Aufgabe, etwa in der Flüchtlingshilfe zu konzentrieren". Er sagte: "Es geht alles weiter, auch ohne Hamburg."

Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch sieht sogar die gesellschaftliche Bedeutung des Sports in Gefahr und warnt vor den zunehmend tiefer werdenden Kluft zwischen dem olympischen Sport und König Fußball. "Wenn alle nur nach Fußball, Fußball, Fußball schreien und Leichtathletik, Schwimmen, Turnen an Bedeutung verlieren - wo soll das noch hinführen?", sagte der Europameister von 2012 dem SID: "Da fragt man sich schon, warum man sich jeden Tag quält."

Pressestimmen: "Das ist eine Schmach" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Enttäuscht, ratlos, fassungslos - der deutsche Sport fühlt sich von Hamburg um eine große Möglichkeit gebracht. "Mutlose Hamburger haben damit die Chance einer Generation verpasst. Kommerz hin oder her, Olympia ist es Wert", meinte Sprinter Sven Knipphals. Hockey-Olympiasieger Christian Blunck sagte: "Für den deutschen Sport ist das ein Armutszeugnis."

Und Handball-Idol Stefan Kretzschmar meinte: "Hamburg meine Perle vor die Säue geworfen. Das Tor zur olympischen Sportwelt ist für immer geschlossen. Dieses 'Nein' verdient keine Lorbeeren."

Bitte keine Aufregung mehr über Medaillenspiegel

Die Sportler fragen sich, wie nach diesem Debakel die Negativ-Spirale bei der Olympia-Medaillenausbeute gestoppt werden soll. Wenn es "2016 irgendeine Stimme gibt, die sich über den Medaillenspiegel aufregt, dann bitte nur mit Nachweis über die eigene 'Ja-Stimme' beim Referendum", so Fürste. Der deutsche Sport hatte gehofft, mit dem Rückenwind der Bewerbung den Abwärtstrend umzukehren. 1996 in Atlanta landete Deutschland mit insgesamt 65 Medaillen - davon 20 aus Gold - noch auf Rang drei im Medaillenspiegel, zuletzt 2012 in London reichte es nur noch zu Platz sechs (44 Medaillen, elfmal Gold).

Doch der Schub, die Euphorie bleiben in den nächsten Jahren jetzt aus. "Die Länder, die sich in der Vergangenheit beworben haben, haben immer einen großen Schwung mitbekommen", sagte Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz dem SID: "Die nationalen Schwimmer waren rund um das Event im eigenen Land immer unheimlich stark. Es ist sehr schade, dass uns das verwehrt bleibt."

Fecht-Olympiasiegerin Britta Heidemann sieht ebenfalls negative Auswirkungen für den deutschen Spitzensport. "Die Bewerbung hätte bedeutet, dass die Strukturreform des deutschen Spitzensports sehr viel schneller vorangegangen wäre. Es drückt sich auch in der Medaillenanzahl deutscher Sportler aus, wie viele Probleme wir gerade im Leistungssport haben. Der deutsche Sport strauchelt und hätte diesen Antrieb gebrauchen können", sagte Heidemann.

Heide Ecker-Rosendahl erinnert sich immer noch mit einem Lächeln an die Spiele 1972 in München. "Olympische Spiele im eigenen Land, das ist schon etwas Besonderes, ich habe das ja Gott sei Dank miterleben dürfen", sagte die Leichtathletik-Olympiasiegerin dem SID. Doch nun ist die Idee von Olympia in Deutschland wohl erst einmal gestorben. Es wird "wohl lange keine Anfrage mehr aus Deutschland geben", sagte Ecker-Rosendahl.

Auch Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, befürchtet, dass der olympische Sport in Deutschland nach Hamburg an Bedeutung verliert und hält eine weitere Bewerbung für nahezu ausgeschlossen. "Möglicherweise sitzen wir eher alle als Rentner im Sessel, bevor darüber überhaupt wieder nachgedacht wird", sagte Freitag im SID-Interview.

(areh/sid)
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