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Knappes Referendum
51,6 Prozent sagen "Nein" zu Olympia in Hamburg

Fragen und Antworten zum Nein der Hamburger im Referendum
Fragen und Antworten zum Nein der Hamburger im Referendum
Hamburg. Aus der Traum für Olympia in Hamburg, Schock für den deutschen Sport: Die Bürger der Hansestadt haben sich in ihrem Referendum nach einem Kopf-an-Kopf-Entscheid gegen Olympische und Paralympische Spiele 2024 vor ihrer Haustür ausgesprochen - und damit der Bewerbung den Todesstoß versetzt.

51,6 Prozent der Hamburger wollen das größte Multisport-Ereignis der Welt nicht in ihrer Stadt sehen, 48,4 Prozent waren dafür, die Wahlbeteiligung lag bei 50,1 Prozent. Insgesamt wurden 651.589 Stimmen abgegeben. Im geplanten Segelstandort Kiel gab es dagegen eine klare Mehrheit pro Olympia von knapp 66 Prozent.

"Hamburg wird sich nicht um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bewerben. Ich hätte mir eine andere Entscheidung gewünscht, aber sie ist klar, und das Ergebnis ist zu akzeptieren", sagte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, als er um Punkt 21.00 Uhr im Rathaus vor die Presse trat.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann stand neben ihm, die Erschütterung war ihm ins Gesicht geschrieben. "Für Sportdeutschland ist das Ergebnis ein herber Tief- und Rückschlag. Wir sind mit Hamburg aufgebrochen, um Sportdeutschland neue Perspektiven zu geben - diese Chance für die nächste Generation ist nun nicht gegeben."

Reaktionen: "Vision von dicken Kindern"

Eine zeitnahe erneute Bewerbung für künftige Spiele hält Hörmann aktuell für nicht realistisch. "Wenn man es es nüchtern sieht, kann man nur festhalten, dass mit einer Bewerbung aus Deutschland auf absehbare Zeit nichts wird", sagte er: "Offensichtlich passen der olympische Gedanke und Deutschland im Moment nicht zusammen." Das Ziel sei es nun, den Sport ohne die Vision der Olympischen Spiele weiterzuentwickeln: "Auf diesem Weg haben wir nun tendenziell mit Gegenwind anzutreten."

Auch DOSB-Vorstandsboss Michael Vesper gestand die Niederlage ein, gab sich aber gleichermaßen kämpferisch: "Im ersten Moment sagt man, jetzt ist auf Jahrzehnte keine Olympiabewerbung in Deutschland möglich. Aber darüber denken wir noch mal nach."

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) bezeichnete das Ergebnis Referendums als "nicht ganz überraschend", bedauerte es aber. "Mit dieser Entscheidung geht eine große Chance für die Stadt, das Land und den deutschen Sport verloren", sagte ein IOC-Sprecher am Sonntagabend: "So hätte das IOC 1,7 Milliarden US-Dollar zum Erfolg der Spiele beigesteuert, die im Vergleich zu 1,2 Milliarden Euro stehen, die die Stadt investiveren wollte."

Fotos: Katerstimmung bei Olympia-Befürwortern in Hamburg FOTO: dpa, dan pil

Dass Sportfans in den kommenden Jahrzehnten vierte Olympische Spiele in Deutschland nach 1936 (Berlin und Garmisch) und 1972 (München) erleben dürfen, ist seit Sonntag unwahrscheinlicher denn je. Den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) stürzt das Votum in die wohl schwerste Krise seiner Geschichte.

1,2 Milliarden Euro wollte sich Hamburg das Spektakel in der Stadt kosten lassen, 6,2 Milliarden sollte der Bund beisteuern. Doch selbst die Aussicht auf einen riesigen Zuschuss vom Steuerzahler, auch zu einem gewaltigen Stadtentwicklungsprogramm, konnte die Hamburger nicht überzeugen.

Die horrenden Kosten, noch fehlende Garantien des Bundes, Misstrauen gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), Angst vor Terror und Flüchtlingskrise, Enttäuschung über die dunklen Schatten auf dem "Sommermärchen" - was letztlich hauptverantwortlich für das Nein war, ist unklar.

Fakt ist im grauen deutschen Sport-Herbst 2015: Die Mehrheit der Hamburger will die Spiele nicht, obwohl Wirtschaft, Politik (mit Ausnahme der Linken) und die versammelte Sportprominenz doch "Feuer und Flamme" waren.

Im Rathaus wurde die Stimmung im Laufe des Abends entsprechend des Wahlverlaufs immer gedrückter, ebenso auf der Promi-Veranstaltung in der Barclaycard-Arena. Dort versuchte DOSB-Vorstandsboss Michael Vesper um kurz nach 19.00 Uhr, als das Ja-Lager nur noch bei knapp 48 Prozent lag, Gelassenheit auszustrahlen: "Die Zahlen sind noch nicht aussagekräftig. Es ist zu früh, schon ein Urteil abzugeben." Wenig später hatten die Ja-Sager niederschmetternde Gewissheit.

Damit verliert das IOC mal wieder einen Bewerber aus einem demokratischen Land, trotz der Reformagenda 2020 des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Die IOC-Mitglieder haben im September 2017 in Lima nur noch die Wahl zwischen Los Angeles, Paris, Rom und Budapest.

Die Hamburger sorgten am Sonntag für die siebte gescheiterte deutsche Bewerbung seit der Garmisch-Kampagne für 1960. Erst Ende 2013 hatten die betreffenden Gemeinden den Winterspielen "München 2022" einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht.

Genau wie damals die bayerische Landeshauptstadt verzeichnete auch Hamburg einen dramatischen Absturz in den letzten Wochen vor dem Referendum. Noch im September hatten sich an der Elbe 64 Prozent für die Spiele ausgesprochen.

"Einen entscheidenden Schub für den deutschen Sport auf allen Ebenen" hatte sich DOSB-Präsident Alfons Hörmann erhofft. Stattdessen erlebt der Dachverband nun seinen Super-GAU. Die 12. Mitgliederversammlung am kommenden Samstag in Hannover dürfte einer Trauerveranstaltung gleichkommen, Selbstmitleid inklusive. Denn auch "höhere Gewalt" wie die Terror-Anschläge von Paris, das abgesagte Länderspiel in Hannover oder die Flüchtlingskrise könnten zum Sieg der Nein-Sager beigetragen haben.

Die Niederlage im Referendum von München, die vor zwei Jahren auch durch reichlich arrogantes Auftreten der Pro-Akteure zustande gekommen war, schmerzt nun mehr denn je. Ein Wahlsieg Münchens beim IOC galt im Nachhinein angesichts der schwachen Konkurrenz aus Peking und Almaty als so gut wie sicher. Nun ist auch Hamburg gescheitert, und die tiefgreifendste Dürreperiode des wiedervereinigten deutschen Sports scheint vorgezeichnet.

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