Paris 1924: Paavo Nurmi läuft allen davon
zuletzt aktualisiert: 01.08.2008 - 15:04Athen (rpo). Die Spiele von Paris 1924 standen ganz im Zeichen eines wartkargen Finnen, der die Laufszene dieser Zeit dominierte. Paavo Nurmi gewann in seiner Laufbahn insgesamt neun Mal olympisches Gold. Allein in der französischen Hauptstadt feierte er fünf Triumphe. Dementsprechend wurde er bewundert wie nur wenige andere Athleten der Sportgeschichte.
"Er läuft wie Nurmi" - dieses gefügelte Wort blieb über Jahrzehnte höchstes Lob für außergewöhnliche Laufleistungen. Der schweigsame Finne war jedoch eher ein Anti-Held. Denn Reden war für Nurmi nicht einmal Silber, Laufen dagegen Gold. Geprägt wurde das 1897 in Turku geborene Ausdauerwunder von einer Kindheit voller Entbehrungen.
Als sein Vater starb, war Paavo als ältestes von sieben Zöglingen knapp 13 Jahre alt. Er verließ die Volksschule, verdiente als Laufbursche Geld für die Familie. Als er Gleichaltrigen erzählte, er wolle ein "zweiter Hannes Kolehmainen" werden, also Finnlands damaligem Lauf-Idol nacheifern, wurde er ausgelacht. Von da an schwieg Nurmi lieber und ließ Taten sprechen.
Zum Beispiel 22 Weltrekorde - fünf mehr als Äthiopiens aktueller Superstar Haile Gebrselassie. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gewann Nurmi als 27-Jähriger 1924 in Paris binnen 50 Minuten die 1500 und 5000 m - ein Double, das bis heute kein anderer Läufer vollbrachte. Nur zwei Tage später holte er Crosslauf-Gold - in einer Hitzeschlacht bei mörderischen Temperaturen, in der 23 von 38 Startern aufgaben. Danach strich das IOC diese Disziplin aus dem Programm. Die Krönung seiner Laufbahn, der Marathonsieg 1932 in Los Angeles, blieb dem Finnen wegen Verstößen gegen das Amateur-Statut verwehrt.
Marathon-Gold wurde Nurmi verwehrt
Verraten ausgerechnet von deutschen Veranstaltern, die zuvor mit Nurmi-Meetings großes Geld gemacht hatten und nun Belege über angeblich zu hohe Spesenabrechnungen lieferten. Nurmi wurde gesperrt und kam so um die ersehnte Chance auf sein zehntes Olympia-Gold. Erst spät wurde er rehabilitiert und durfte zur Eröffnung der Spiele 1952 in Helsinki das Olympische Feuer als Schlussläufer ins Stadion tragen. Obwohl er nach den sportlichen Meriten im Wohnungsbau Millionen verdiente, starb der 76-jährige Nurmi verbittert.
Freunde hatte er wenige, Bewunderer unendlich viele: Die Finnen ehrten ihn mit einem Staatsbegräbnis wie einen großen Politiker. Während sich Nurmi schon 1920 in Antwerpen mit dreimal Gold in die Schlagzeilen gelaufen hatte, schwamm ein anderer 1924 in Paris erstmals ins olympische Rampenlicht: der spätere "Tarzan" Johnny Weissmuller aus den USA, gerade 20 geworden, feierte sogleich drei Erfolge.
"Nur" Bronze holte dagegen seine 19-jährige Landsfrau Gertrude Ederle im Kraulsprint. Zwei Jahre später sollte die New Yorkerin Geschichte schreiben: Als erste Frau der Welt durchschwamm sie 1926 den Ärmelkanal und war dabei fast zwei Stunden schneller als je ein Mann zuvor.
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