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Olympia-Tagebuch
Die westliche Dosis Mitleid

Olympia 2016: Die westliche Dosis Mitleid
RP-Redakteur Stefan Klüttermann berichtet von den Olympischen Spielen aus Rio de Janeiro. FOTO: privat
Rio de Janeiro. Der Besuch in Rio de Janeiro zeigt vor allem eines. Den Unterschied zwischen Arm und Reich. In Brasilien klafft die Armuts-Schere noch weiter auseinander als in Deutschland. Während die Gäste über neue, abgesperrte Straßen donnern, reicht es für Einheimische nicht einmal für ein Olympia-Ticket.

Dieses Tagebuch soll ja in der Regel der Platz sein für alles Skurrile, Bemerkenswerte und - im besten Falle - Lustige, was der Journalistenalltag hier in Rio so zu bieten hat. Doch dieser Alltag bringt einen leider nicht nur zum Schmunzeln, Wundern oder amüsierten Kopfschütteln, sondern oft genug eben auch zum betretenen Nachdenken. Zum Nachdenken darüber, dass wir alle mit Olympia in diese Stadt eigentlich wie Außerirdische eingefallen sind und uns deswegen nicht wundern dürfen, wenn uns die Cariocas auch als solche betrachten.

Wie würden Sie es empfinden, wenn die Olympiabesucher auf einer zwar neugebauten, aber für die Öffentlichkeit noch gesperrten Schnellstraße an Ihrer Favela vorbeifahren und am besten aus dem Bus auch noch Fotos von ihrem Elend machen, weil irgendeine verquere Sightseeing-Vorstellung von Rio offenbar beinhaltet, sich die westliche Dosis Mitleid gönnen zu müssen beim Anblick dieser ärmlichen Lebensweise?

Würden Sie den fremden Zuschauern und Journalisten, die auf einer extra für sie reservierten Spur an Ihnen vorbeirasen, begeistert zuwinken, während Sie aus diesem Grund noch länger als sonst auf weniger Spuren im Feierabendverkehr stehen?

Würden Sie sich eine Eintrittskarte für die hippe Beachvolleyball-Arena kaufen, wenn Sie dafür 20 Prozent ihres Monatsgehaltes berappen müssen? Das heißt, falls Sie überhaupt noch einen Job haben. Viele hier haben den in den vergangenen Jahren nämlich verloren und deswegen nachvollziehbar anderes im Kopf als sich darüber Gedanken zu machen, ob Sie mit ihrem Besuch einer der Wettkampfstätten dazu beitragen, von diesen Spielen ein tolles TV-Signal in die Welt hinaus zu senden.

Würden Sie sich plötzlich für Kanuslalom, Bogenschießen oder Taekwondo interessieren, wenn parallel doch die brasilianische Fußballliga, die Sie über alles lieben, munter weiterspielt?

Würden Sie in jeder Sekunde freundlich bleiben als einheimischer Mitwirkender an Rio 2016, wenn ihnen manche Gäste aus der ersten Welt in jeder Sekunde zu verstehen geben, wie langsam, unfähig und rückständig Sie in Ihrem zweitweltlichen Tun sind?

Rio ist nicht Südamerika, also, die betuchteren Stadtteile sind nicht das typische Südamerika, das ergibt hier vor Ort der Plausch mit jedem Korrespondenten, der diesen Kontinent beurteilen kann. Aber den Querschnitt der Bevölkerung muss diese Überflutung mit menschlichen Beispielen westlicher Dekadenz am Ende doch einfach befremden. Es sind letztlich zwei Welten, die hier aufeinandertreffen in Rio. Und zwei Wochen reichen beileibe nicht aus, um sich gut genug kennenzulernen. Auch wenn das Internationale Olympische Komitee das bestimmt gerne hätte.

Quelle: RP
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