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Olympia-Tagebuch
Pferdeflüsterer

Olympia 2016: Pferdeflüsterer
RP-Redakteur Stefan Klüttermann berichtet von den Olympischen Spielen aus Rio de Janeiro. FOTO: privat
Rio de Janeiro. Am Mittwoch fahre ich mal wieder zu den Reitern hoch nach Deodoro. Bei den Reitern ist es immer so schön. Die holen zuverlässig Medaillen, und sie sind ganz nebenbei auch ziemlich zugängliche, unkomplizierte Sportler. Da macht das Arbeiten Spaß.

Wobei, wie ich finde, bei diesen Olympischen Spielen gibt es in Bezug auf die deutsche Reiterei einen zu beobachtenden Aspekt, der schon fragwürdig ist: Manche Pferde tun dieser Tage ganz ungeniert so einiges, um ihren Reitern die öffentliche Aufmerksamkeit streitig zu machen.

Nehmen wir Sam, Michael Jungs Wunderpferd. Das goldene Sensibelchen. Kann nicht mal ruhig stehen, wenn für seinen Michi die Nationalhymne gespielt wird. Muss im Kreis herumlaufen. Ja, sind wir hier beim Diskuswerfen, oder was? Dem Württemberger Wallach schmecke das Gras hier nicht so gut, erzählte Jung. Der Gaul hat ja Probleme, dürften viele Athleten da denken, er kann ja gerne mal unser Essen im Olympischen Dorf probieren. Oder hier kalt duschen.

Oder schauen wir uns Cosmo an, Sönke Rothenbergers Dressurpferd. "Ein Clown" sei er, "der alle auf Trab hält", erzählte Rothenberger. Und dass jeden Tag mehr Leute zu Cosmos Box gekommen seien, um ihn zu sehen, dieses tolle Geschöpf. Solch aufkommender Star-Status scheint dem braunen Wallach dann aber bitteschön ein bisschen arg zu Kopf gestiegen zu sein. Seinen Betreuer Robbie Sanderson kurz vor der Siegerehrung an den Kopf zu treten und diesem eine üble Platzwunde zu bescheren, nur damit alle Zuschauer und TV-Kameras auch ja auf ihn, Cosmo, umschwenken? Das geht dann doch zu weit, finde ich. Twittern tut er ja auch schon, wobei ich mich frage, wie er mit dem Huf die Buchstaben auf der Tastatur trifft?

Was kommt als nächstes? Hoffen Sam und Cosmo wirklich, sich nach ihrer Rückkehr in das Goldene Buch einer Stadt eintragen zu dürfen? Spekulieren sie auf einen Werbevertrag mit einem Futtermittelhersteller? Hoffen sie auf eine Einladung in Frau Maischbergers Talkshow? Wird Cosmo vielleicht sogar irgendwann den Dienst im Dressureck verweigern, weil Rothenberger sich nicht unter dem Namen "Cosmonaut" vermarkten will?

Das sind Fragen, die es dringend nach Rio zu beantworten gilt. Vielleicht sollten sich alle Beteiligten einfach mal an einen Runden Tisch setzen. Oder um einen runden Tisch herumlaufen. Da wollen wir Sam mal entgegenkommen.

Quelle: RP
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