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Olympia-Tagebuch
Meinen Rucksack habe ich liebgewonnen

Olympia 2016: Tagebuch - Meinen Rucksack habe ich liebgewonnen
RP-Redakteur Stefan Klüttermann berichtet von den Olympischen Spielen aus Rio de Janeiro. FOTO: privat
Rio de Janeiro. In Rio gibt es keine Journalisten ohne Taschen oder Rucksäcke. Jeder hat eben sein Päckchen zu tragen. Die Sicherheitskontrollen sind lästig, aber in einem Fall würde ich sie freiwillig, sogar gerne über mich ergehen lassen.

Bei den Sicherheitskontrollen vor den olympischen Wettkampfstätten in Rio haben sich findige Geister etwas Tolles einfallen lassen. Ab und an gibt es einen Extra-Zugang für Journalisten ohne Taschen. Ich habe allerdings noch nie einen Kollegen durch eine solche Kontrolle gehen sehen. Wie auch? Es gibt hier keine Kollegen ohne Tasche. Jeder hat hier seinen Rucksack zu tragen bei Olympia. Meiner ist mir inzwischen derart ans Herz und an den Rücken gewachsen, dass es mir abends fast schon schwer fällt, ohne ihn ins Bett zu gehen.

In meinem Rucksack ist übrigens jeden Tag dasselbe drin: mein Laptop, drei Ladekabel, ein Weltstecker, der so wuchtig und sperrig ist, dass mich niemand auf der Pressetribüne neben sich sitzen haben will, weil ich mit dem Monstrum komplette Mehrfachsteckdosen blockiere, ein Kuli, ein Block, eine Tube Sonnencrème, Anti-Mückenzeug, Bananen, Kekse - Geschmacksrichtung Mörtel - und eine Flasche Wasser. Mit dem Inhalt und mit der Größe meines Laptops dürfte ich hier so etwas wie den Durchschnittsjournalisten darstellen. Doch was hier manch anderer Vertreter meines Berufsstandes mit sich herumschleppen muss, nötigt mir immer wieder einen oder zwei mitleidige Blicke ab.

Da sind vor allem die Fotografen, die eine Fotoausrüstung in Boxen oder Koffern von A nach B und C transportieren müssen, wie ich sie kaum in meinen Reisekoffer bekommen würde, den ich mit nach Rio genommen habe. Und schwerer ist ein Fotografenkoffer bestimmt auch als meiner.

Ob die auch normale Klamotten dabei haben? Egal, in jedem Fall sind Fotografen hart im Nehmen, und so stöhnt dann auch kaum einer von ihnen über seine alltägliche Last. Deshalb komme ich mir immer besonders doof vor, wenn ich in ihrer Gegenwart mal ächze.

Das mit Abstand Coolste, was hier an Journalistenbepackungen aber herumläuft, sind Menschen, die als mobile Sendeanlagen fungieren. Die tragen auf dem Rücken ein Holzgestell, auf dem eine überkopfhohe Antenne befestigt ist, wie aus einem schlechten Science-Fiction-Film aus den 80ern.

Jedes Mal, wenn mir so ein Kollege begegnet, überlege ich, ob ich ihn nicht mal anspreche und ihn freundlich frage, ob man bei ihm die Bundesliga gucken kann. Er müsste sich ja nur mal anderthalb Stunden vor mein Hotel stellen oder so. Für ein Bier. Von mir aus auch für einen Caipirinha.

Ich würde für ihn dann auch an der nächsten Sicherheitskontrolle die Antenne aufschnallen. Dann kann er den Weg für Leute ohne Gepäck nehmen.

Als Allererster.

Quelle: RP
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