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Olympia-Tagebuch
Nachtleben aus dem Kühlschrank

Olympia 2016: Tagebuch: Nachtleben aus dem Kühlschrank
RP-Redakteur Stefan Klüttermann berichtet von den Olympischen Spielen aus Rio de Janeiro. FOTO: privat
Rio de Janeiro. Soldaten mit umgehängter Maschinenpistole nehmen irgendwie die Lust auf Caipirinha. Erst recht, wenn der Bus zur Leichtathletik um sieben fährt.

Es gibt da ein bekanntes Vorurteil gegenüber Lehrern. Die hätten "vormittags recht und nachmittags frei", heißt es. Es gibt auch ein bekanntes Vorurteil gegenüber Sportjournalisten bei Olympia. Die dürften tagsüber dienstlich tollen Sport gucken und machten abends immer Party, heißt es. Beide Vorurteile haben viele Anhänger, aber wenig mit der Realität zu tun. Gerade hier in Rio, der vermeintlichen Partyzone am Zuckerhut, hält sich die journalistische After-Work-Szenerie dieser Tage in sehr überschaubaren Grenzen.

Das liegt bei mir zum einen daran, dass mir nach der Rückkehr von der Leichtathletik nachts um zwei das Hotelbett dann doch näher als die Hotelbar ist, besonders, wenn morgens um sieben mein heißgeliebter Bus wieder zur Leichtathletik abfährt. Es liegt auch daran, dass die Kollegen, mit denen ich im Zweifelsfall den Abend gerne ausklingen lassen wollen würde, 40 Kilometer weit weg in Deodoro wohnen. Es liegt aber vor allem daran, dass hier in Rio, der in Hochhäuser gemeißelten Lebenslust, vielen von uns zu viel an Unbeschwertheit abgeht, um uns hier abends entspannt und neugierig unter die Einheimischen zu mischen. Wo ich vor vier Jahren aus London an dieser Stelle bestimmt manche lustige Begebenheit aus einem Pub zum Besten hätte geben können (wenn ich denn da gewesen wäre), müssen hier die Geschichten vom Caipirinha mit den Cariocas leider ausfallen. Die laue Nacht am Zuckerhut büßt einiges an Zauber ein, wenn ein paar Meter neben der Strandbar Soldaten mit umgehängter Maschinenpistole aufpassen.

Das ist bei aller Notwendigkeit trotzdem schade, denn es nimmt Rio die Chance, die Olympiabesucher so richtig in seinen Bann zu ziehen. Stellen Sie sich einfach vor, sie würden in Düsseldorf an den Kasematten, im Duisburger Innenhafen oder in Emmerich an der Rheinpromenade bei einem Glas Wein sitzen, und in Sichtweite patrouillieren Bundeswehrsoldaten. Macht Laune, der Gedanke, oder?

Meine journalistische Party-Szene speist sich deswegen auch vornehmlich aus dem Kühlschrank auf meinem Zimmer. Da lagern ein paar Bierdosen. Das hat zwar was von Ferienlager, aber bei mir im Zimmer kann ich wenigstens mal Pause machen vom Auf-Maschinenpistolen-Gucken. Vielleicht gibt es hier ja auch Caipirinha in Dosen. Ich schau gleich morgen mal im Supermarkt nach. Vorurteile verpflichten halt.

Quelle: RP
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