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Olympia-Tagebuch
Warten – die neue olympische Disziplin

Olympia 2016: Warten ist die neue Disziplin
RP-Redakteur Stefan Klüttermann berichtet von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. FOTO: privat
Rio de Janeiro. Irgendwo wird der Tatendrang in Rio de Janeiro immer gebremst. In Sachen Ungeduld werden immer neue Bestzeiten aufgestellt.

Ein geschätzter Kollege pflegt stets zu sagen, er sei durchaus geduldig, solange alles schnell gehe. Mit dieser Attitüde wäre der gute Mann hier in Rio in etwa so gut aufgehoben wie ein Vegetarier beim Metzger. Denn bei Olympia in Rio, da geht wahrlich vieles, nur auf keinen Fall etwas schnell. Schlange stehen ist in diesen Tagen nach Beachvolleyball und Autohupe betätigen mit Sicherheit die Sportart, die die meisten Menschen aktiv ausüben.

Gäbe es einen Olympischen Eid für Zuschauer und Journalisten, er müsste lauten: "Wir schwören, dass wir an den Olympischen Spielen als ehrenwerte Wartende teilnehmen, die Regeln der Schlange achten und uns bemühen werden, ritterliche Geduld zu zeigen, zur Ehre unserer Reihe und zum Ruhme der Langsamkeit."

Nun könnte man meinen: Aber der ungeduldige Kollege ist doch gar nicht vor Ort. Also alles halb so wild. Stimmt. Stimmt aber auch nicht, denn in Sachen Ungeduld erreiche auch ich hier immer neue Bestzeiten, also Zeiten, die es dauert, bis ich ungeduldig werde. Ich habe inzwischen gehörigen Bammel vor meinem Kontrolltermin beim Zahnarzt im Herbst, so viel knirsche ich hier mit den Zähnen aufeinander, um ein internes Ventil für die Ungeduld zu nutzen.

Alle warten wir hier den ganzen Tag. Irgendwo. Wir warten an jeder einzelnen Wettkampfstätte, bis wir an der Reihe sind, um wie am Flughafen kontrolliert zu werden. Rucksack abschultern, Laptop rausholen, Taschen leeren - das sind inzwischen so flüssige Bewegungen, wie ich sie mir beim "G3 zerlegen, zusammensetzen" im Wehrdienst gewünscht hätte.

Wir warten hier in Rio, bis sich der nächste Stau aufgelöst hat. Wir warten, bis all die Menschen vor uns ihr Essen bestellt und bezahlt haben. Ich persönlich würde ja jeden, der an der Kasse Geld oder Kreditkarte noch nicht passend bereithält oder der erst dann anfängt zu überlegen, was er will, sofort zurück ans Ende der Schlange zurückversetzen. Ich glaube, am Ende warten wir hier alle unterbewusst nur darauf, gleich wieder irgendwo warten zu können.

Das Problem mit dem vielen Warten ist nur, dass dafür eigentlich keine Zeit ist. Die Stadt ist viel zu groß, die Arbeit ausfüllend genug und der Hunger viel zu groß, als dass wir die Zeit hätten zu warten. Aber dann fällt mir eine der brasilianischen Fahnen ins Auge, und auf der steht schließlich geschrieben: Ordem e progresso, Ordnung und Fortschritt. Und siehe: Was anderes ist denn langsames Vorrücken in einer Schlange?

Wenn mein geschätzter Kollege und ich einen Staat gründen würden, stünde auf der Fahne in jedem Fall etwas anderes: Voran jetzt, und zwar zz - ziemlich zügig!

Quelle: RP
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