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Michael Groß rät von Bewerbung ab
"Ich würde zurzeit die Finger von Olympia lassen"

Michael Groß: "Ich würde von Olympia 2028 zurzeit die Finger lassen"
Michael Groß glaubt, dass es in Sachen Olympia-Bewerbung zu viel verbrannte Erde gibt. FOTO: Imago
Düsseldorf. Der Olympiasieger von 1984 und 1988 sieht keinen Sinn in einem deutschen Bemühen um die Spiele 2028. Für die Olympia-Zukunft regt der "Albatros" kreative Ideen an. Von Stefan Klüttermann

Vermutlich wäre Michael Groß die Bezeichnung "Schwimm-Legende" gar nicht mal so recht. Nicht, dass der 52-Jährige rückblickend ein Problem damit hätte, 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul insgesamt drei Goldmedaillen gewonnen zu haben. Er hält nur nicht viel vom Rückblick an sich. Davon, immer nur der Ex-Sportstar zu sein. Ein Leben lang. "Das wäre ja Horror. Stellen Sie sich vor, Ihr Lebensglück über Jahrzehnte hinweg nur aus der Erinnerung zu ziehen. Das gilt nicht nur für Leistungssportler, das gilt für jeden Menschen", sagt Groß. Und insofern lebt und arbeitet er im Taunus eben nicht als früherer Leistungssportler, der heute etwas machen muss, was nie so toll sein kann wie die Jahre im Becken und Rampenlicht, sondern als Berater, Dozent und Buchautor, der früher mal Leistungssportler war. Er will der sein, den sie "Albatros" nannten, nicht der "ewige Albatros".

Vier Bücher hat Groß geschrieben. Er hält Vorträge, Seminare und arbeitet als Lehrbeauftragter in Frankfurt am Main. Meist geht es um die Themen Motivation, Machen, Verändern. "Wichtig ist die Erkenntnis, dass man niemanden von außen motivieren kann. Was man schaffen kann, ist die Motivation, die jeder in sich trägt, freizulegen. In vielen Unternehmen wird diese Eigenmotivation leider immer noch zu sehr verschüttet", findet der promovierte Philologe. Bei Sportlern sei das anders, sagt Groß. Auch wenn bei Misserfolg schnell der Ruf nach besserer Förderung laut wird. "Wenn es eine Gruppe gibt, die früh lernt, eigenverantwortlich zu agieren, dann sind es Sportler. Sie können mit der besten Förderung der Welt eine fehlende Eigenmotivation nicht kompensieren."

Das Thema Sport lässt Groß also so ganz auch heute nicht los. Und so verfolgt er natürlich auch die laufende Debatte um eine Bewerbung für Olympia 2028 an Rhein und Ruhr. Doch Groß, der bei der gescheiterten Bewerbung Berlins um die Spiele 2000 als Berater fungiert hatte, winkt bei dem Thema ab. "Ich würde da zurzeit die Finger von lassen. Dafür gibt es zu viel verbrannte Erde. Der DOSB hat sich zuletzt ja zweimal böse die Finger mit solch einem Vorstoß verbrannt. Die Bevölkerung ist da einfach ermüdet", sagt er mit Blick auf die Bürgerentscheide in München 2013 und Hamburg 2015.

Ohnehin sieht Groß für die Zukunft der Spiele zunehmende Hürden. Weil es immer schwieriger wird, geeignete Städte zu finden, die ein solches Großereignis stemmen wollen und können. "Die akute Gefahr ist ja ganz klar, dass die Bewerberstädte ausgehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Thomas Bach und seine Mitstreiter das nicht bemerken", sagt Groß. Für 2024 seien ja mit Paris und Los Angeles immerhin noch zwei Metropolen im Rennen, die "olympischen Spirit haben und die nötige Größe als Ort, um Olympia zu verkraften". Aber gerade im Fall von Winterspielen wird es zunehmend schwerer, unter potenziellen Ausrichtern wählen zu können.

Im Fall der Spiele 2022 setzte sich Peking gegen Almaty aus Kasachstan als einzigem Mitbewerber durch. Groß fordert daher ein konstruktives Umdenken: "Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Städte in Nordamerika und zwei in Europa, und die wissen, alle 20 Jahre kommt Olympia vorbei. Dann können Sie dort die Sportstädten nach 20 Jahren renovieren. Das ist etwas anderes, als immer wieder etwas Neues hinzustellen", sagt er.

Quelle: RP
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