Blickpunkt Olympia: Ohne Drama macht es Ludger Beerbaum nicht
VON GÖKÇEN STENZEL - zuletzt aktualisiert: 18.03.2008 - 19:24Düsseldorf (RP). Sind Rudelführer bei den Wölfen weiblich oder männlich? Egal - der Leitwolf der deutschen Springequipe ist jedenfalls männlich, 44 Jahre alt, Vater eines Sohnes, geschieden. Und wenn bis zum Sommer nicht etwas Überraschendes passiert, wird der Leitwolf Ludger Beerbaum auch in China erneut seine Reiter anführen.
Es wären die sechsten Olympischen Spiele für den Sportler, der selbst „definitiv gar nichts“ zu seinen Chancen sagt, wieder zum Team zu gehören. Alle anderen sagen: Na sicher ist er dabei, der Bannerträger von Athen 2004.
Was ihm wohl diesmal, in der asiatischen Hitze, passieren wird? Die Frage ist berechtigt, denn ohne ein Drama hat es der gebürtige Niedersachse noch nie gemacht. 1988, in Seoul, musste er sich zwei Tage vor Olympia auf das Ersatzpferd The Freak einstellen. Es reichte für Mannschafts-Gold. Beerbaum war in der Weltspitze angekommen.
In Barcelona 1992 sprang dann er, nicht die Stute Ratina: Das Zaumzeug riss beim Ritt um den Nationenpreis, und der Reiter sprang gerade noch rechtzeitig aus dem Sattel - die spektakulären Bilder gingen um die Welt und brachten dem Reitsport traumhafte Quoten. Zwei Tage später der Triumph: Einzelgold für Beerbaum.
1996, inzwischen hatte er den Stall Moksel verlassen und sich in Riesenbeck selbstständig gemacht, ritt er mit der Equipe aufs Siegertreppchen, konnte in der Einzelwertung aber nicht antreten. Ratina war verletzt, aus der Traum. Wie extrem ehrgeizig dieser „absolute Profi-Athlet“ (Bundestrainer Kurt Gravemeier) ist, war an seiner Miene 2000 in Sydney zu sehen. Wieder siegte das deutsche Team, aber Beerbaums Goldfever hatte nicht dazu beigetragen, sondern vorgezogen, mit den Stangen Fußball zu spielen.
Beerbaum schluckte seinen Frust, schaute gemeinsam mit Mäzenin Madeleine Winter-Schulze nach vorne, bereitete sich weiter akribisch, durchdacht auf seine Einsätze bei den Championaten vor. 2001 sagte er: „Ich bin im Zenit meiner sportlichen Laufbahn.“
2004 lagen Licht und Schatten tatsächlich sehr dicht beieinander. Beerbaum trug die deutsche Fahne beim Einmarsch ins Athener Stadion, er war einfach der Olympionike schlechthin. Ausgerechnet ihm musste es passieren, dass er bei den selben Spielen wegen Dopings disqualifiziert wurde.
Mannschafts-Gold war weg, den Deutschen blieb Bronze - auch wenn Beerbaum nachweisen konnte, dass das verbotene Mittel über eine Salbe in sein Pferd Goldfever kam und nicht zur Leistungssteigerung verwendet worden war. Der Leitwolf heulte kurz, hatte sich aber schon Tage später wieder unter absoluter Kontrolle, ging gefasst in zahlreiche Talkshows und trat eine Debatte über den Sinn und Unsinn der Dopingregeln im Reitsport los.
Nun also Peking. Oder besser: Hongkong, wo ein eigener Reitpark für die Pferde entstanden ist. Der erfolgreichste Springreiter aller Zeiten - der mit 1,90 Meter Körperlänge übrigens auch der größte ist - setzt auf mehrere Pferde. Sein Kollege Christian Ahlmann (35) sagt von Beerbaum, dass der mehrere Hufeisen im Feuer hat. „Es ist möglich, dass der 17-jährige Goldfever fit genug ist, um mitzureisen“, sagt Ahlmann und meint: „Auf welchem Pferd auch immer - Beerbaum ist nach wie vor ein Top-Favorit, ein Bannerträger.“
Apropos Favoriten: seine Schwägerin Meredith Michaels-Beerbaum gehört auch dazu. Sehr wahrscheinlich, dass es im Sommer zu einer Familienreise der Beerbaums kommt: Ludger und sein Bruder Markus, Meredith und die Eltern - alle in Hongkong dabei.
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