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Wirtschaft liegt am Boden
Olympia-Gastgeber Brasilien verpasst seine Chance

Olympia 2016: Zahlen und Fakten zu den Olympischen Spielen
Olympia 2016: Zahlen und Fakten zu den Olympischen Spielen
Rio de Janeiro. Ein stimmungsvolles Fest mit sportlichen Erfolgen als emotionale Trendwende für ein verunsichertes Land? Die Olympischen Spiele hätten das Potenzial dazu gehabt. Doch der Preis dafür ist zu hoch ausgefallen. Von Gianni Costa und Tobias Käufer

Es war vor sieben Jahren in Kopenhagen. US-Präsident Barack Obama wurde eingeflogen, um für seine Heimatstadt Chicago bei den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu werben. Der haushohe Favorit ging siegessicher in die Schlussrunde mit Tokio, Madrid und Rio de Janeiro. Und lange sah es danach aus, als ob man beim IOC lieber an Bewährtem festhalten würde. Doch dann kam die Bewerbung von Rio für die Sommerspiele 2016.

In einem Einspieler wurden den Delegierten gezeigt, wo seit 1896 die Spiele ausgetragen worden sind. In Europa, Nordamerika und Asien - neben Afrika blieb nur ein Fleck weiß: Südamerika. "Das war der Moment", sagt Willi Lemke, deutscher UN-Sonderbeauftragter für Sport, "als die Entscheidung für Rio gefallen ist." Es war der fünfte Versuch, Olympia an den Zuckerhut zu holen. Als das Votum positiv ausfiel, lagen sich die Cariocas, die Bewohner Rios, weinend in den Armen.

Die Olympischen Spiele waren für sie das Versprechen auf eine glanzvolle Zukunft. Aber das Land steckt in einer Depression. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Politik hat sich durch immer neue Korruptionsfälle rund um den Erdölkonzern Petrobras oder den Baugiganten Odebrecht selbst disqualifiziert. Zwei Jahre nach dem WM-Debakel mit der historischen 1:7-Niederlage der Gastgeber gegen Deutschland, angesichts einer tiefen Kluft zwischen Volk und Politik und einer wirtschaftlichen Krise, sehnen sich die Brasilianer nach einer Kehrtwende. Und Olympia hätte helfen können, die verletzte brasilianische Seele aus dem Tal der Tränen zu führen: Stimmungsvolle Spiele mit sportlichen Erfolgen, dazu eine Stadt mit traumhafter Kulisse, die sich als ein Sehnsuchtsort für künftige Touristen inszeniert, und dem jungen Bürgermeister Eduardo Paes, der als Hoffnungsträger mit Macher-Image in ein politisches Vakuum stößt.

Brasilien ist pleite

Aber sieben Jahre nach dem Votum ist von Zuversicht in Rio wenig zu spüren. Noch vor wenigen Jahren sprudelten die Einnahmen durch die Ölförderung. Brasilien war stolzer Teil der Brics-Staaten, des Zusammenschlusses der aufstrebenden Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Doch die siebtgrößte Wirtschaftsnation ächzt unter der Krise. Es ist kein Geld mehr da, um Krankenhäuser zu bauen und in Bildung zu investieren. Während der Spiele haben die Schulen geschlossen. Es gibt kein Geld, um Lehrer zu bezahlen. Seit Monaten warten sie auf den Lohn.

Dilma Rousseff, die Präsidentin des Landes, sollte eigentlich die Olympischen Spiele eröffnen, doch sie wurde in einem undurchsichtigen Verfahren durch das Parlament suspendiert. Man konnte ihr persönlich nichts nachweisen, störte sich aber an ihrem Führungsstil. Für den Übergang hat zunächst Vizepräsident Michel Temer die Geschäfte übernommen.

Die Spiele sollten Rio Hoffnung bringen. Der Preis dafür ist zu hoch ausgefallen. Mehr als zehn Milliarden Euro wurden bislang in Olympia investiert - zwei Drittel davon sind in sogenannte Infrastrukturmaßnahmen geflossen. Die U-Bahn in das im Westen der Stadt gelegene Strandviertel Barra da Tijuca ist fertiggestellt, während der Spiele ist sie aber eine reine Olympiabahn. Die Cariocas müssen draußen bleiben.

Und daran wird sich auch für die unteren Bevölkerungsschichten vermutlich so schnell nichts ändern, wenn der Olympiazirkus in zwei Wochen wieder abgezogen ist. Denn Mobilität ist in Rio eine Frage des Einkommens. Der überwiegende Teil der Menschen arbeitet im Billiglohnsektor. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit zwar nur bei 3,5 Prozent, das aber dank staatlicher Programme, die Jobs für die Statistik bringen, die Arbeitnehmer aber aufs Existenzminimum drücken. Ein U-Bahnticket ist für die meisten zu teuer. Bleibt nur die Fahrt mit dem Bus, verbunden mit stundenlangen Anfahrtzeiten aus den Außenbezirken. Einige Firmen bieten deshalb an, Mitarbeiter von zu Hause abzuholen, um einen geregelten Betrieb zu gewährleisten. Für die bessere Anbindung von Millionen von Menschen in der Metropolregion, der sogenannten Baixa da Fluminense und in den Städten São Gonçalo und Niterói auf der anderen Seite der Bucht, wurde praktisch nichts aufgewendet.

Bewohner werden zwangsumgesiedelt

Im Vergleich zu bisherigen Austragungsorten sind die Spiele in Rio billig. Dafür hat man weitestgehend auf Protzbauten verzichtet und sich darauf verlassen, dass der Star dieser Spiele die Postkartenkulisse von Rio ist. Viele Gebäude sind kostengünstige Provisorien, die nach den Spielen abgebaut werden. Nachhaltigkeit auf Brasilianisch heißt: Stadien weg, dafür Platz für Immobilieninvestoren, die an der Stelle teuren Wohnraum schaffen. Dass Unternehmer bei den Geschäften involviert sind, die man dem Lager des Bürgermeisters zurechnet, ist eine dieser nicht ganz so sonderbaren Begebenheiten in Rio. Mehr als 80.000 Einwohner Rios sollen wegen der Spiele zwangsumgesiedelt worden sein - viele ohne jegliche Entschädigung. Auch mehren sich Zweifel, ob auf Kosten der Sicherheit bei Projekten gespart worden ist. Vor ein paar Monaten sind Teile eines Radweges - des Prestigeobjekts von Bürgermeister Paes - eingestürzt. Eine Welle hat ein Stück zum Einsturz gebracht und zwei Menschen in den Tod gerissen. Angeblich hatten die Ingenieure nicht die "Macht des Meeres" einkalkuliert.

Die Frage ist, ob Brasilien vollends im Chaos versinken wird, wenn die Weltöffentlichkeit nach den Spielen nicht mehr auf das Land schaut. Was soll werden, nachdem das Feuer erloschen ist? In den vergangenen Jahren wurde in Rio viel investiert, um die Kriminalität auf den Straßen einzudämmen. Die Stadt lebt fast nur vom Tourismus und kann sich negative Schlagzeilen nicht leisten. Es gilt, weiter Postkartenmotive zu gewährleisten - um jeden Preis.

Quelle: RP
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