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Olympia 2016
Rio stolpert den Spielen entgegen

Olympische Ringe in Rio feierlich enthüllt
Olympische Ringe in Rio feierlich enthüllt FOTO: afp, va/pa
Rio de Janeiro. Korruptionsskandale und eine politische Krise trüben in Brasilien die Vorfreude auf die Sommerspiele. Von Gianni Costa

Es ist Herbst in Rio. Die Temperaturen liegen in diesen Tagen bei bescheidenen 25 Grad. Clara Macado sitzt am Strand von Copacabana und blickt durch die Gitterstäbe des Bauzauns. Dahinter entsteht die nächste große Attraktion der Stadt. Bei den Olympischen Spielen wird direkt am weltberühmten Strand beim Beachvolleyball um Medaillen gekämpft. Macado, 67, eine rüstige Dame, die jeden Tag dort joggt, schüttelt den Kopf. "Das sind nicht unsere Spiele" sagt sie. Die Cariocas, die Bewohner von Rio, seien doch sowieso nur Statisten. "Es fühlt sich so an, als ob man zur eigenen Geburtstagsfeier nicht eingeladen wird."

Es ist vermutlich ganz gut, dass es derzeit nicht heißer ist, denn rund um die Copacabana sind die Gemüter gehörig aufgeheizt. Das Land ist gelähmt. Das liegt vor allem an der politischen Klasse, die fast geschlossen in einem gigantischen Korruptionssumpf versunken ist. Es wurde beim Petrobas-Skandal im großen Stil geschmiert, Geld wurde auf illegalen Konten in der Schweiz deponiert und der Staatsbetrieb so in den Bankrott getrieben. Dilma Rousseff, die Präsidentin des Landes, wird wohl in der kommenden Woche für 180 Tage von ihrem Amt suspendiert. Für den Übergang soll zunächst ihr Vizepräsident Michel Temer die Geschäfte übernehmen. Am 5. August im Maracana-Stadion hat der 75 Jahre alte Temer schon einen festen Termin: Dann eröffnet er aller Voraussicht nach die Olympischen Sommerspiele.

Die Spiele sollten Rio Hoffnung bringen. Die Frage ist nur, ob der Preis dafür nicht deutlich zu hoch ausgefallen ist. Mehr als zehn Milliarden Euro wurden bislang investiert - zwei Drittel davon sind in so genannte Infrastrukturmaßnahmen geflossen. Die U-Bahn in das im Westen der Stadt gelegene Strandviertel Barra da Tijuca ist allerdings immer noch nicht fertiggebaut. Gelingt das nicht in den kommenden drei Monaten, hätten die Olympiabesucher ein stattliches Problem. In Barra ist nämlich der Olympiapark gelegen, und es wäre eine sehr sportliche Aufgabe, die 22 Kilometer von der Innenstadt aus mit Bussen im dichten Stadtverkehr zurückzulegen. Immerhin sind Schnellbustrassen errichtet worden, die für wenigstens etwas Entlastung sorgen sollen.

"Es wird keine Probleme geben", betont Eduardo Paes, der Bürgermeister von Rio, immer wieder. "Es gibt nur noch ein paar kleinere Baustellen." Tatsächlich ist im Olympiapark das meiste fertig - erstaunlich früh, wenn man es mit zum Beispiel London vor vier Jahren vergleicht, wo noch bis kurz vor der Eröffnungsfeier im großen Stil gewerkelt wurde. Schaut man etwas genauer hin, dann hält sich die Überraschung in sehr engen Grenzen. Viele Gebäude sind nur kostengünstige Provisorien, die direkt nach den Spielen wieder abgebaut werden. Nachhaltigkeit auf brasilianisch heißt: Stadien weg, dafür viel Platz für Immobilieninvestoren, die an der Stelle teuren Wohnraum schaffen. Dass Unternehmer bei den Geschäften involviert sind, die man dem Lager des Bürgermeisters zurechnet, ist einer dieser sonderbaren Zufälle am Zuckerhut.

Es mehren sich die Zweifel, ob auf Kosten der Sicherheit bei vielen Projekten gespart worden ist. Vor ein paar Wochen sind Teile eines Radweges eingestürzt. Es war das Prestigeobjekt von Bürgermeister Paes, eine 3,9 Kilometer lange Brückenkonstruktion auf Stelzen direkt am Meer entlang. Eine Welle hat ein Teilstück zum Einsturz gebracht und zwei Menschen in den Tod gerissen. Angeblich soll von den Ingenieuren nicht die "Macht des Meeres" einkalkuliert worden sein. Man kann sich natürlich die Frage stellen, was noch nicht alles berechnet worden ist. Paes findet das zwar alles sehr bedauerlich, sieht aber keine Notwendigkeit, Konsequenzen daraus zu ziehen. Und es gibt auch keine breite Öffentlichkeit, die ihn dazu drängt. Es haben sich alle mit dem schmutzigen Spiel abgefunden. Die Frage ist: Wenn sich in Brasilien nichts nachhaltig ändert, obwohl die Weltöffentlichkeit wegen der Spiele besonders intensiv auf das Land schaut, was soll werden, wenn das Interesse abnimmt, nachdem das Feuer erloschen ist? In den vergangenen Jahren wurde speziell in Rio viel Geld investiert, um die Kriminalität auf den Straßen einzudämmen. Die Stadt lebt fast ausschließlich vom Tourismus und kann sich keine negativen Schlagzeilen leisten. Doch Brasilien, die siebtgrößte Wirtschaftsnation, ächzt unter der Krise. Es ist schon länger kein Geld mehr da, um Krankenhäuser zu bauen und in Bildung zu investieren. Während der Spiele haben die Schulen in der Stadt geschlossen. Nicht etwa, um den Schülern den Gang zu den Wettbewerben zu ermöglichen. Es ist schlicht kein Geld da, um die Lehrer zu bezahlen. Seit Monaten warten die bereits auf ihren Lohn von der Landesregierung.

Es werden sich in den kommenden Monaten alle mächtig ins Zeug legen, dass es mindestens die besten, tollsten Spiele aller Zeiten werden. Zurzeit ist Rio allerdings noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Quelle: RP
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