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Schlagzeilen vor Olympia
Enthüllungen um sexuelle Belästigung erschüttern US-Turner

Olympia 2016: Enthüllungen um sexuelle Belästigung erschüttern US-Turner
Vor dem Beginn der Wettkämpfe schreibt der US-Turnverband negative Schlagzeilen. FOTO: dpa, hy moa
Rio de Janeiro. Kurz vor Beginn der Turnwettbewerbe wird das US-Team von erschreckenden Enthüllungen in den Medien erschüttert. Der Verband USAG soll Trainer gedeckt haben, die Athletinnen sexuell belästigten.

Die Enthüllungen sind erschreckend, sie werfen einen dunklen Schatten auf die Machenschaften in einem Sportverband. Da haben mehrere Trainer tagtäglich mit jungen Turnerinnen zusammengearbeitet, sie dabei möglicherweise in den intimsten Zonen betatscht - und die Verantwortlichen schauten einfach weg. Hat der US-Turnverband USAG weggeschaut? Es gibt Indizien, die dafür sprechen.

In mehr als 50 Fällen, berichtet die Zeitung Indianapolis Star, haben sich US-Trainer zumindest verdächtig verhalten, doch die USAG-Offiziellen zeigten das bei den Behörden trotz unzähliger Beschwerden nicht an. Was die Sache noch schlimmer macht: Weil die Anschuldigungen fälschlicherweise als "übliche Gerüchte" einstuft wurden, durften die Trainer weiter ihrer Arbeit nachgehen. Jahrelang.

USAG muss seitens des amerikanischen NOK keinerlei Konsequenzen befürchten, das Verhalten der Verantwortlichen aber verärgert die Behörden im US-Bundesstaat Indiana enorm. Es gebe keine Zweifel, meint Staatsanwältin Shelley Haymaker, dass USAG "das Gesetz missachtet und nach den eigenen Richtlinien" gehandelt habe. "Der Verband war vielleicht nicht die Hand, die unschuldige Kinder misshandelte. Aber er war definitiv der Arm", sagte die Juristin.

"USAG hat in diesem Punkt total versagt", klagt Lisa Ganser, deren Tochter Opfer einer solchen sexuellen Belästigung wurde, daher an. "Der Verband besaß genügend Informationen, um dagegen vorzugehen. Das hätte meiner Tochter und allen anderen Mädels nicht passieren dürfen." Und es wäre auch nicht geschehen, wenn sich der Verband nun mal an die Gesetze gehalten hätte.

In jedem der 50 US-Bundesstaaten sind einzelne Personen oder Organisationen gesetzlich verpflichtet, mögliche Verdachtsfälle den Behörden zu melden. Irgendwann, als immer mehr Beschwerden beim Verband eingingen und sich die Ordner füllten, wurde dann auch USAG aktiv. Verbandspräsident Steve Penny sah davor schlichtweg keine Notwendigkeit, weil er die Aussagen von Opfern oder deren Familien als nicht ausreichend für eine Anzeige erachtete.

Verband reagierte viel zu passiv

Das Verhalten der USAG-Verantwortlichen verärgert die Behörden im US-Bundesstaat Indiana enorm. Es gebe keine Zweifel, meint Staatsanwältin Shelley Haymaker, dass USAG "das Gesetz missachtet und nach den eigenen Richtlinien" gehandelt habe. "Der Verband war vielleicht nicht die Hand, die unschuldige Kinder misshandelte. Aber er war definitiv der Arm", sagte die Juristin.

Allein der Fall der Ganser-Tochter, der aktuell in Georgia neu aufgerollt wird, deckt dabei eine fragwürdige, viel zu passive Haltung auf. Der Verband wies vier Anschuldigungen gegen den mittlerweile zu 30 Jahren Haft verurteilten William McCabe zurück - nach der ersten Anzeige hatte der Trainer sogar noch insgesamt sieben Jahre arbeiten dürfen. Für Dan Dickey, den ehemaligen Besitzer einer der rund 3000 Sporthallen der USAG, völlig unverständlich.

"Meiner Meinung nach ist McCabe eine Person, die nicht mit jungen Frauen arbeiten sollte. Er sollte eingesperrt werden, bevor noch jemand missbraucht wird", hieß es in seinem Brief von Dickey an USAG. Ähnliche Vorwürfe missachtete der Verband bezüglich Marvin Sharp, der erst vier Jahre nach den ersten Verdächtigungen angezeigt und zu einer Haftstrafe verurteilt worden war und sich später im Gefängnis das Leben nahm.

Es klingt daher wie blanker Hohn, wenn Penny seine Trainer als "goldenen Standard" betitelt, auf die Athletinnen wie auch deren Eltern angewiesen seien. Und er behauptet felsenfest, dass USAG "nach wie vor viel unternimmt", um das Wohl der Sportlerinnen zu gewährleisten. "Die Zeitung Indianapolis Star hat einige Fakten bei ihrer Recherche unterschlagen." Die Indizien sprechen aber einstweilen für sich.

(sid)
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