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"Ich lebe in zwei Welten"
Kölner Dressur-Reiter startet in Rio für Palästina

Christian Zimmermann startet für Palästina
Christian Zimmermann startet für Palästina FOTO: dpa, gki
Rio de Janeiro. Der 54-Jährige Christian Zimmermann ist erfolgreicher Unternehmer. Seine Firma mit Stammsitz in Köln beschäftigt 700 Mitarbeiter. Bei Olympia startet Zimmermann in der Dressur - für Palästina.

Christian Zimmermann überlegt keine Sekunde. Warum ausgerechnet Dressur, warum nicht Springen oder gar Vielseitigkeit? "Ich bin so gründlich", sagt er. Seine blauen Augen blitzen vor Vergnügen. Mit dieser deutschen Gründlichkeit leitet er von Köln aus ein Unternehmen mit 700 Mitarbeitern. Und mit derselben deutschen Gründlichkeit reitet er in Rio für Palästina.

Mit Pferden aufgewachsen

Die Geschichte dahinter ist auf den zweiten Blick gar nicht so außergewöhnlich, wie sie auf den ersten Blick scheint. Christian Zimmermann war von Kindesbeinen an den Umgang mit Pferden gewohnt, bis zu seinem 26. Lebensjahr saß er täglich im Sattel. Dann hatte er sein Studium hinter sich und begann, die Firma seines Vaters auf- und auszubauen.

Immerhin gingen 18 Jahre ins Land, bis Zimmermann durch seine reitsportbegeisterte Tochter wieder zurück ins Metier geführt wurde. Für Esther, heute 22, besorgte er einen Trainingsplatz bei Reitmeister Jan Bemelmans und war durchaus nicht abgeneigt, als dieser ihn fragte: "Und was ist mit Dir? Du kannst es doch immer noch."

Die Rückkehr in den Sattel

Gesagt, getan, Zimmermann stieg wieder in den Sattel. Sein Ziel war klar: "Ich habe gesagt, dann aber richtig, dann will ich auch mal bei Olympia dabei sein." In Deutschland gerade in der Dressur ein schwieriges Unterfangen, weshalb Zimmermann nach anderen Optionen suchte. Die kamen dann wie so oft unverhofft. Bei einem Turnier lernte der Kölner ein russisches Diplomatenpaar palästinensischer Herkunft kennen. "Irgendwann haben sie mich gefragt: Warum reitest du nicht für uns?", erinnert er sich.

Diese Deutschen starten nicht für Deutschland

Auf den Konflikt aufmerksam machen

Der Rest ist schnell erzählt, war aber ganz und gar nicht schnell gemacht. "Ich habe es mir lange durch den Kopf gehen lassen und alles genau abgeklopft", erzählt der 54-Jährige. Das Wichtigste war, dass er seinen deutschen Pass behalten durfte, weil die internationale Gemeinschaft anders als das IOC den Staat Palästina nicht anerkennt.

Zimmermann sah und sieht sich auch Anfeindungen ausgesetzt. "Fragt ihn doch mal, ob er weiß, wo Palästina liegt", forderte die israelische Verbandsvertreterin Ricki Rothschild Bachar. Zimmermann weiß das sehr genau, er war dort, und er möchte mit seiner Teilnahme in Rio auch auf den ewigen Konflikt zwischen Palästina und Israel aufmerksam machen.

70 Prozentpunkte sind das Ziel

Bei Olympia strebt er mit seinem elfjährigen Wallach Aramis, der in Rio erst sein viertes Turnier geht, die 70 Prozentpunkte an. Dafür hat der Unternehmer sehr hart gearbeitet. "Ich habe zwei Fulltime-Jobs", sagt Zimmermann: "40 Stunden pro Woche bin ich für meine Agentur da, 20 weitere Stunden brauche ich für das Training mit den Pferden, das Lauftraining und das tägliche Yoga." Dazu kommen noch einmal 15 Stunden für die Logistik: "Ich lebe in zwei Welten."

Seine Frau Sarah trägt alles mit, sie wird auch in Rio dabei sein, wenn ihr Christian mit Aramis ins Viereck geht. Der gerade zehn Wochen alte gemeinsame Sohn allerdings bleibt zu Hause: Ihm wollen die Eltern den Stress der langen Reise nicht zumuten.

(sb/sid)
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