| 14.19 Uhr

Schwimmmer holt 19. Gold
Phelps nach Bewährungstrafe und Suchttherapie wieder ganz oben

Phelps schwimmt mit blauen Flecken auf der Schulter
Phelps schwimmt mit blauen Flecken auf der Schulter FOTO: ap
Rio de Janeiro. Er war alkohol- und spielsüchtig und wusste nichts mehr mit sich anzufangen. Nun ist Michael Phelps Familienvater – und hat seine Goldsammlung weiter aufgestockt. 

Als Michael Phelps seine 19. Olympia-Goldmedaille küsste, war sein jüngster Fan längst eingeschlafen. Sein Söhnchen Boomer schlummerte im roten Baby-Tragesack mit weißen Sternen selig, auch der Jubel im Schwimmstadion von Rio de Janeiro 20 Minuten nach Mitternacht weckte ihn nicht. Vom neuesten Kapitel in seiner unglaublichen Rekord-Saga wird der erfolgreichste Olympionike von allen seinem Nachwuchs in ein paar Jahren erzählen müssen.

Phelps genießt diese Spiele ganz besonders, nicht nur weil ihm die Ehre des Fahnenträgers bei der Eröffnungsfeier zuteil wurde. Die Geburt seines Sohnes hat den einst unnahbaren Superstar verändert und zugänglicher für Gefühle gemacht.

Zudem liegen harte Jahre hinter Phelps, der nach seinem vermeintlichen Karriereende 2012 nichts Sinnvolles mit seiner Zeit anzufangen wusste. Die Alkohol- und Spielsucht endete in einer Fahrt mit 1,4 Promille bei überhöhter Geschwindigkeit. Die Festnahme, eine Verurteilung zur zweiten Bewährungsstrafe nach 2004 und eine Suchttherapie mit 45 Tagen in einer Entzugsklinik waren die Folge. Die Familie hat Phelps wieder den Halt gegeben, der im Partyleben mit Kumpels und vielen Golfrunden zwischendurch verloren gegangen war.

Phelps jubelt wie beim ersten Mal

"Es war verrückt. Ich stand auf dem Startblock und dachte, mir würde das Herz in der Brust explodieren", sagte Phelps jetzt nach seinem Triumph mit der amerikanischen 4x100-m-Freistilstaffel - dem ersten Olympiasieg nach seinem Rücktritt vom Rücktritt. Mit der viertbesten Zeit im Finale hatte der Superstar als zweiter Schwimmer das US-Quartett in Führung gebracht. Wie wild schlug er auf den Block ein, als Schlussschwimmer Nathan Adrian den Vorsprung ins Ziel brachte.

Phelps riss immer wieder die Arme hoch, er schrie seine Freude heraus, er klatschte seine Kollegen ab: Es wirkte, als hätte der 31-Jährige gerade sein erstes olympisches Gold gewonnen - und nicht das 19. seiner Karriere. Sein Blick wanderte über die Tribüne und suchte seine wichtigsten Fans: seine Mutter Debbie, seine Verlobte Nicole Johnson und den drei Monate alten Boomer.

Verlobte und Sohn Boomer drücken Phelps die Daumen FOTO: ap

Die letzte große Phelps-Show hat begonnen. Vier Jahre nach den Spielen von London, die sich trotz vier Gold- und zwei Silbermedaillen irgendwie falsch angefühlt hatten, nimmt der beste Schwimmer der Geschichte noch einmal Abschied von der großen Bühne - diesmal richtig. "In London wollte ich eigentlich nichts mehr mit dem Sport zu tun haben, jetzt habe ich mich wieder in ihn verliebt", sagte Phelps.

Mindestens vier Chancen auf noch mehr Gold hat der Superstar in Rio noch. Über 100 und 200 m Schmetterling und 200 m Lagen ist ihm ebenso der Sieg zuzutrauen wie mit der Lagenstaffel. Möglicherweise geht er auch über 4x200 m Freistil an den Start.

Heulen im Team

Während Boomer im Sack mit den blauen Initialen seines berühmten Vaters tief und fest schlief, vergossen die jüngsten Staffelkollegen von Phelps Freudentränen. Caeleb Dressel, 19, und Ryan Held, 20, brachten sogar den Seriensieger zum Weinen. "Die Jungs haben geheult, da habe ich auch angefangen", sagte Phelps.

Der Sieg in der Sprintstaffel lag ihm besonders am Herzen. Vor vier Jahren in London hatte das US-Quartett Gold an Frankreich verloren. "Wir wollten es unbedingt zurück", sagte er. Und auch er selbst wollte unbedingt zurück. 

2000 in Sydney schnupperte der US-Amerikaner als 15-Jähriger erstmals Olympia-Luft. Und die macht ihn so süchtig, dass er nicht aufhören kann. "Es wäre fantastisch, als erster Schwimmer über dreißig Olympisches Gold in einem Einzelwettkampf zu gewinnen", sagte der 31 Jahre alte US-Amerikaner erst kürzlich in einem Interview der Zeitung "Die Welt". Die erste Chance dazu hat er über 200 Meter Schmetterling - und dort stehen am Montag die Vorläufe an.

(sid)
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