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Olympia in Rio
Not und Spiele

Olympia 2016: Not und Spiele
Imposanter Blick, viele Sorgen: In Rio de Janeiro gibt es etliche Favelas, in denen die Versorgung der Bewohner zum Teil sehr schwierig ist. FOTO: dpa, bw ay
Rio De Janeiro. Für die Olympischen Spiele wurden in Rio de Janeiro viele Favelas abgerissen. Die Behörden gingen rabiat zur Sache. Nur wenige Bewohner wurden entschädigt. Doch es gibt auch Unbeugsame, die sich gewehrt haben. Von Gianni Costa

Das Symbol für den Widerstand gegen die Olympischen Spiele ist im Gemüsegarten von Maria da Penha fast vertrocknet. Es ist nur ein einziger Strauch Tomaten übrig geblieben. Ein mickriges Gestrüpp, aber für da Penha ist es einer der Gründe, warum sie so für diesen Ort gekämpft hat. Die Villa Autódromo, 23 Jahre lange die Heimat von da Penha, ist zum Symbol des Kampfes gegen den Gigantismus im Namen der Olympischen Bewegung geworden. Es geht um Maßlosigkeit, Gleichgültigkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich ausbreitet. In der brasilianischen Politik und in privaten Investoren hat es dankbare Partner gefunden - die können zum Teil längst geplante städtebauliche Entwicklungen zeitnah umsetzen.

Da Penha ist geblieben, als die Bagger angerollt sind. "Weil es meine Heimat ist, niemand hat das Recht, mich zu vertreiben." Man hat ihr die Nase gebrochen, als Sicherheitskräfte den Weg freiräumten für die Bauarbeiter nur ein paar Schritte vom Olympiapark in Barra da Tijuca entfernt. Die 51-Jährige ist geblieben an jenem Ort im Südwesten von Rio. Es fällt schwer, sie als Gewinnerin zu bezeichnen. Zu hoch war der Preis, den sie in den vergangenen Jahren zahlen musste. Die Stadtverwaltung hat schließlich nachgegeben, weil man es als nützlich empfand, der Welt wenigstens ein positives Beispiel seiner Wohnpolitik zu zeigen. Viel mehr bekommt man auch nicht zusammen.

Während der Spiele in Rio gibt es fast täglich Berichte über Schießereien. Touristen sind überfallen, ein Schweizer Kamerateam bei Dreharbeiten in einer Favela beschossen worden. Die brasilianische Regierung hat viel Geld investiert, um die Stadt wenigstens während der Spiele zu befrieden. Unter anderem mit einer sogenannten UPP. Die Abkürzung steht für Einheit der Friedenspolizei. Viele Favelas sind rechtsfreie Räume, Banden haben sich die Areale aufgeteilt und machen dort ungehindert ihre Geschäfte. Mit den UPP-Einheiten hat der Staat die Macht zurückerobert. Wie in der Favela Cerro Corá. Dieses Viertel wird von der Polizei gerne als Vorzeigeprojekt gezeigt. Als die ersten Einheiten damals in das Gebiet vorgedrungen sind, gab es ein paar Auseinandersetzungen. Doch mittlerweile sind die Kriminellen weitergezogen.

Daniela Chagas ist Polizistin in der UPP-Einheit. Die 35-Jährige geht langsam durch das Viertel und erzählt über das Leben in der Favela. Sie wird allerdings bei der Führung eskortiert von schwer bewaffneten Kollegen. Sicher ist sicher. Sie sagt: "Bei uns ist alles ruhig." Ein paar Meter weiter kommt ein Mann auf sie zu. Er schimpft unaufhörlich und beschwert sich bei ihr, dass der Staat sich nicht an Versprechen gehalten habe. Und der Müll, der Müll sei auch schon seit Wochen nicht mehr abgeholt worden. Ein paar Straßen weiter quillt ein Abfallcontainer über. Es stinkt bestialisch. Um vor den Besuchern der Favela keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen, wird hektisch telefoniert. Nach einer Weile sammelt ein Müllwagen den Unrat ein.

Favelas wie diese waren lange Orte der Hoffnung. Doch Brasilien steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, und das Bundesland Rio ist schon seit einer ganzen Weile pleite. Das hat sehr unmittelbare Auswirkungen für die Menschen in den sozialen Brennpunkten. Die meisten Sozialprojekte sind dem Rotstift zum Opfer gefallen. Es gab Sportangebote für Jugendliche und Förderprogramme für Familien. Das sollte Perspektiven bieten. Davon ist nichts geblieben. Die Polizei ist dafür da, die Versäumnisse der Regierung auszugleichen - sehr oft auch mit gewaltsamen Mitteln. Vielerorts sehnen sie sich die Banden zurück, so heißt es, die seien berechenbarer gewesen als viele korrupte Polizisten.

In der Favella Cerro Corá haben sie aufgehört, an Versprechen zu glauben. Zu viele wurden gegeben und haben Besserung in Aussicht gestellt. Die medizinische Versorgung sollte besser werden, doch die einzige Praxis im Viertel wurde geschlossen. So müssen die Bewohner ein paar Stunden in Kauf nehmen, um zu einem Arzt zu gelangen. "Es ist trotz allem ein liebenswerter Ort", sagt Polizistin Chagas. "Es lohnt sich, dafür zu kämpfen."

Sie lächelt. Sie weiß, dass es keine Gewinner geben kann.

Quelle: RP
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