| 06.51 Uhr

Rund um Olympia
Pumpen am Traumstrand

Olympia 2016: Pumpen am Strand von Rio de Janeiro
Am Strand Arpador werden die Muskeln gestählt. FOTO: dpa, pk ase
Rio De Janeiro. Mit Hanteln aus Beton und Liegestütze auf Felsgestein gehört das Fitness-Studio am Strand Arpoador in Rio de Janeiro zu jenen Plätzen an denen sich der Sport auf seine ehrlichen Wurzeln besinnt Von Tobias Käufer

Es quietscht und kratzt ein bisschen, wenn Raphael (24) die Betongewichte über die Seilwinde und die rostige Metallstange zieht. "Ich habe Vertrauen" hat der muskelbepackte Carioca, wie die Bewohner Rio de Janeiros heißen, auf seinen mächtigen Brustkorb eintätowiert. Und das braucht er auch, denn zumindest optisch sind die Trainings-Geräte in Rios wohl revolutionärstem Open-Air-Fitnessstudio erst einmal gewöhnungsbedürftig. Doch Raphael beruhigt: "Die Geräte werden von uns jeden Tag überprüft. Jeden Abend machen wir einen Kontrollgang, auch um zu überprüfen, ob noch alles da ist." Auch Andreza (29), die früher oft hier trainierte, bevor sie sich an den benachbarten Strand der Reichen und Schönen in Ipanema zum Sonnenbad legte, kennt die Geschichte: "Ich fand es ideal, weil sich Training, Meer und Strand so herrlich verbinden ließen." Inzwischen wohnt sie im Retortenviertel Barra und kommt nur noch selten her. "Ich vermisse diesen Platz", sagt das Ex-Model.

Die Trainingsgeräte am Strand von Arpoador, zwischen Copacabana und Ipanema gelegen, sind begehrt. Nachdem Langfinger nachts dem Open-Air-Studio einen ungebetenen Besuch abgestattet haben, organisierte die Nachbarschaft einen Nachtdienst. Seitdem bleibt alles dort, wo es hingehört. Der Charme dieses Platzes liegt aber nicht nur an der atemberaubenden Aussicht über das Meer, sondern auch in seiner Organisation. Rios Körperkult ist weltbekannt, aber auch sehr teuer: Die Menschen zieht es in Massen in die modernen Fitness-Studios, doch die Beiträge sind hoch. Vor allem hier in der reichen Südzone kostet eine Monatsmitgliedschaft schnell hundert Euro. Doch auch im reichen Süden der Olympiastadt gibt es Favelas. Deshalb haben sich die Menschen aus diesen Armenvierteln selbst organisiert. "Jeder gibt am Monatsende, das was er kann. Bislang hat es immer gereicht, um die Kosten der Unterhaltung wieder hereinzuholen", sagt Raphael.

Besonders beliebt ist der Platz auch weil es keine Grenzen gibt: Alle Hautfarben, alle Altersklassen, alle sozialen Schichten sind willkommen. Jeder trainiert wann er kann und wie er es für richtig hält. Untereinander entstehen so Freundschaften, auch soziale Hierarchien, die im normalen Alltagsleben Rios wohl nur schwer möglichen wären.

Angefangen hat alles vor ein paar Jahren, als die Stadtverwaltung am Arpoador wie an vielen anderen öffentlichen Plätzen auch, einfache Sportgeräte installierte. Danach erweiterten die Nachbarn den Fitness-Park Stück um Stück. Alte Konservendosen dienten als Füllgerät für flüssigen Beton. Einmal ausgetrocknet, diente der harte Beton als Hantelersatz. Einige Felsen wurden so abgehauen, dass sie als Untergrund für Liegestütze dienen.

Vor allem in diesen Tagen, in denen der hochgezüchtete Olympia-Zirkus mit all seinen millionenschweren Sportstätten, die aus dem Nichts hervorgezogen wurden, wirkt das Fitness-Studio am Arpoador wie eine Ermahnung an gute alte olympische Zeiten. In denen galt nämlich das Motto: Kein Geld, und dabei sein ist alles.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Olympia 2016: Pumpen am Strand von Rio de Janeiro


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.