| 19.02 Uhr

Stabhochspringer ausgebuht
Renaud Lavillenie wird Opfer der Fans

Lavillenie bricht bei Siegerehrung in Tränen aus
Lavillenie bricht bei Siegerehrung in Tränen aus FOTO: afp
Düsseldorf/Rio. Der französische Stabhochspringer Lavillenie beklagt sich über Pfiffe und Missfallensbekundungen – und wird daraufhin sogar bei der Siegerehrung ausgebuht. Das brasilianische Publikum verstößt wiederholt gegen die ungeschriebenen Olympia-Gesetze. Von Robert Peters

Es war kein schöner Abend für Renaud Lavillenie. Der große Favorit im Stabhochsprung war nur Zweiter geworden, geschlagen vom Brasilianer Thiago Braz da Silva. Mehr noch als die Niederlage gegen einen Gegner, der seine Bestleistung um elf Zentimeter auf 6,03 Meter steigerte, beschäftigten den Franzosen die Begleiterscheinungen des Wettkampfs. Das völlig enthemmte brasilianische Publikum hatte ihn vom ersten Sprung an ausgepfiffen, ausgebuht und damit erkennbar aus dem Konzept gebracht.

In seiner ersten Erregung verglich Lavillenie seine Situation mit der von Jesse Owens bei den Nazispielen 1936 in Berlin. "Ich habe den Brasilianern nichts getan. 1936 war die Menge gegen Jesse Owens. Seitdem habe ich so etwas nicht mehr gesehen. Wir müssen uns damit beschäftigen", sagte er. Den höchst unpassenden Vergleich mit dem schwarzen US-Sprinter Owens, der in Berlin einem feindseligen Publikum begegnete, nahm er später mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Den Vorwurf, die Zuschauer hätten gegen die Gesetze des Fairplay verstoßen, nahm er aber nicht zurück. Und das war richtig so.

Denn es ist nicht das erste Mal bei diesen Spielen, dass brasilianische Fans die ungeschriebenen Regeln Olympias grob verletzen. Sie benehmen sich wie beim Fußball. Dort verstehen sich die Anhänger gern als zwölfter Mann ihres Teams, das sie nicht nur durch Anfeuerung unterstützen, sondern sehr gern auch durch ausgiebige Missfallenskundgebungen gegen den jeweiligen Gegner. Fußballer, namentlich Profis, finden nichts dabei. Es gibt einige, die eine feindselig klingende Atmosphäre beim Auswärtsspiel als Ansporn für sich selbst wahrnehmen. Tennisspieler kennen das von ihren Länderkämpfen im Davis Cup, vor allem bei Auftritten in Südamerika. Aber weder Leichtathleten noch Turner oder Schwimmer erleben dergleichen bei ihren Wettbewerben. Besser: Bislang haben sie so etwas bei ihren Wettkämpfen noch nicht erlebt. Rio de Janeiro setzt in dieser Hinsicht Maßstäbe.

Das ist äußerst bedauerlich. Nach den Spielen von London vor vier Jahren, die ein Spiegelbild der englischen Auffassung von Fairplay gerade auf den Rängen lieferten, gehen die brasilianischen Spiele als ein ganz schlechtes Beispiel für angewandten Chauvinismus in die Geschichte ein.

Neutrale Beobachter stehen vor einem seltsamen Phänomen. Bisher hat Brasilianern niemand eine ausgesprochene Fremdenfeindlichkeit nachweisen können. Es scheint aber zumindest so, als seien die Gastgeber dieser Spiele, vorsichtig ausgedrückt, mit den Gepflogenheiten in einzelnen Sportarten nicht besonders vertraut. Man könnte es auch entschieden böser ausdrücken: Sie wollen sich mit den Gepflogenheiten einzelner Sportarten gar nicht vertraut machen.

Kaum Zuschauer auf den Rängen

Sie halten es mit ihrer Nationalsportart Fußball. Und ins Stadion gehen sie nur, wenn ihre Athleten irgendwo an den Start gehen. Sportler, die sich nicht mit brasilianischen Gegnern auseinandersetzen müssen, dürfen deshalb zwar einen Mangel an olympischer Stimmung auf den sehr übersichtlich bevölkerten Rängen beklagen. Sie müssen sich aber trotzdem glücklich schätzen, dass ihnen Pfeifkonzerte erspart bleiben.

Es ist kein Ergebnis übermäßig ausgeprägter Feinfühligkeit, dass sich der Stabhochspringer Lavillenie von Buhrufen und Pfiffen aus dem Konzept gebracht fühlte - auch wenn Leichtathleten sicher zu den Sensibelchen gerechnet werden können. Der Franzose ist ein Opfer eines komplett missverstandenen Wettbewerbs-Gedanken im Publikum, das sich im Versuch, eigene Leute zu unterstützen, in billigem Hass verliert. Das Publikum schreckte sogar nicht davor zurück, Lavillenie bei der Siegerehrung auszubuhen. Der Franzose brach daraufhin in Tränen aus.

Das ist ein weiterer Schatten, der auf die Spiele von Rio fällt. Dopingaffären, das merkwürdige politische Taktieren des Internationalen Olympischen Komitees, der erneut so sichtbare Widerspruch zwischen dem Versprechen, Olympia so sozialverträglich wie möglich zu machen, und dem Gigantismus, die rücksichtslose Umsiedlung ganzer Stadtviertel, der weitgehende Verzicht auf ökologische Bedenken - all das machte die Veranstaltung von Rio de Janeiro bereits zu einer höchst fragwürdigen Angelegenheit.

Die Aktionen des Publikums geben dem olympischen Gedanken endgültig den Rest.

Quelle: RP
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