| 11.55 Uhr

Elite-Einheiten wurden gestrichen
Sparzwang schadet der Sicherheit

Bilder: Armee sprengt verdächtigen Rucksack
Bilder: Armee sprengt verdächtigen Rucksack FOTO: afp
Rio De Janeiro. Brasilien setzt auf optische Präsenz von Polizei und Militär. Doch die Hälfte der geplanten Spezialkräfte wurde gestrichen. Von Gianni Costa

Auf das Pressezelt auf dem Reitsport-Gelände der Olympischen Spiele wird ein Schuss abgegeben. Wenige Tage später findet man auf der Anlage im Ortsteil Deodoro, der in einem großen Militärsektor liegt, bei den Ställen ein weiteres Projektil. Angeblich sollen die Schüsse aus einer benachbarten Favela abgefeuert worden sein.

Am Strand der Copacabana im Zielbereich des Straßenrennens gibt es eine kontrollierte Sprengung. Einige hundert Meter hinter der Ziellinie ist ein herrenloser Rucksack entdeckt worden. Ein Bus mit Olympia-Gästen wird mit Steinen attackiert. Räuber erschießen unweit der Wettkampfstätten eine Frau. Die Polizei gerät in dem berüchtigten Favelakomplex Maré unter Beschuss. Mindestens drei Polizisten werden verletzt, einer davon schwer. Drogenhändler haben sie angegriffen. All das sind nur ein paar Fälle aus den vergangenen Tagen, die zeigen, wie angespannt die Sicherheitslage am Zuckerhut ist.

Mario Beltrame zuckt mit den Schultern. "Natürlich muss niemand Angst haben", sagt er. "Wir geben alles dafür, dass die Olympischen Spiele in Rio sicher sind." Beltrame, 58, ist der für Sicherheit zuständige Minister des Bundesstaates Rio de Janeiro. Rund um die Wettkämpfe sind mehr als 90.000 Polizisten und Soldaten im Einsatz. Die Zahl klingt zunächst gigantisch. Doch wer einmal in der Millionenmetropole war, kommt schnell zur Erkenntnis, dass es nicht überdimensioniert erscheint. Denn Rio ächzt seit Jahren unter der Last hoher Kriminalität - die große Präsenz der Sicherheitskräfte kann den Bewegungsradius von Verbrechern zwar eindämmen, ihre Taten aber nicht nachhaltig bekämpfen. Ist an der einen Stelle Ruhe, flammt anderswo ein Konflikt auf.

Olympia ist für die Behörden vor allem ein logistisches Problem. An zwölf verschiedenen Standorten fallen die 306 Entscheidungen. Deshalb hätte Beltrame auch sehr gerne Unterstützung von Elite-Einheiten bekommen. Doch die sind plötzlich gestrichen worden. Statt ursprünglich 9000 Spezialkräften setzt die Regierung nun nur die Hälfte ein. "Ich habe mit deutlich mehr Personal gerechnet", sagt Beltrame. Brasilien befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise und muss sparen. Ein Resultat sind abgespeckte Sicherheitsmaßnahmen. Im Vergleich zu London 2012 sind allerdings in Rio dennoch doppelt so viele Beamte im Einsatz.

Optische Präsenz

Beltrame setzt vor allem auf optische Präsenz. Um die Sichtbarkeit zu erhöhen, sind bei den Streifenwagen im Stadtgebiet ständig die roten Blinklichter an. An jeder größeren Kreuzung, an öffentlichen Plätzen und wichtigen Haltepunkten des Nahverkehrs sind Polizisten positioniert. Dementsprechend sicher ist es für Touristen - solange sie nicht die Hauptwege verlassen und sich mit sichtbaren Luxusgegenständen als leichte Beute anbieten. Rio hat vor allem vor negativen Bildern Angst. Olympia ist für die Stadt eine gigantische Marketingveranstaltung. Die Stadt besitzt nur noch einen echten Wirtschaftsfaktor - und das ist der Tourismus.

Für Beltrame gilt es, die Touristen zu schützen. Es ist aber noch eine weitere Bedrohung dazugekommen. Es gibt vereinzelte Hinweise, die Terrorgruppe IS könne einen Anschlag planen. In den vergangenen Monaten sind ein paar hundert Syrer als Kriegsflüchtlinge auch nach Brasilien gereist. "Wir beobachten die Entwicklung ganz genau. Brasilien war bislang noch nicht Ziel von derartigen Terroranschlägen. Aber wir werden nach den Vorkommnissen in Paris und Brüssel noch wachsamer sein", sagte der Sicherheitschef bei einem Gespräch mit unserer Redaktion vor Beginn der Spiele. "Bei uns wird aber niemand unter Generalverdacht gestellt. Jeder ist als Gast bei uns im Land willkommen - wenn er sich an die Regeln hält."

Sicherheitsexperten aus Europa sind in Rio eingebunden. Die Kooperationsbereitschaft der Brasilianer mit ausländischen Behörden hat allerdings auch klare Grenzen. Die Bundesregierung wollte das Deutsche Haus gern mit eigenen Sicherheitskräften des BKA schützen. Brasilien lehnte das aber mit Verweis auf den Einsatz privater Security-Kräfte ab. Man könne selbst den Schutz der Einrichtung garantieren.

Beltrame und seine Mitarbeiter haben in diesen Tagen viele Gegner. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) gehört dazu. Denn das hat sich eigene Regeln geschaffen. Und an die hat sich auch Beltrame mit seiner Einsatztaktik zu halten. "Das IOC möchte keine sichtbaren Polizeikräfte innerhalb der Stadien haben", sagt er. "Wir ziehen deshalb verschiedene Zonen um die Wettkampforte. Natürlich wird es in den Stadien verdeckte Beamte geben. Mir wäre allerdings lieber gewesen, auch dort Präsenz zeigen zu können. Es macht vieles komplizierter, aber es gibt Vorgaben, denen muss ich gehorchen."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Olympia 2016: Sparzwang schadet der Sicherheit


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.