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"Er hat versagt"
Bachs Ansehen hat massiven Schaden genommen

Pressestimmen: "Fatale Entscheidung"
Pressestimmen: "Fatale Entscheidung" FOTO: dpa, gh Dok5 nic
Für IOC-Präsident Thomas Bach war die Russland-Entscheidung der Härtetest. Viele sehen seine Rolle sehr kritisch.

In der schwersten Krise seiner Amtszeit besann sich IOC-Präsident Thomas Bach auf seine Vergangenheit als Sportler. Als Körperparade wird im Fechten das Ausweichen bei einem gegnerischen Angriff bezeichnet - nichts anderes tat der Olympiasieger von 1976 bei der Entscheidung über das Startrecht russischer Athleten für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

Ausweichen, mangelnde Führung, Verantwortungslosigkeit: Nach der Entscheidung, Russland trotz nachgewiesenen Staatsdopings nicht komplett von den Sommerspielen 2016 auszuschließen, hagelte es heftige Kritik für den 62-Jährigen. Nicht nur die Glaubwürdigkeit des IOC generell, sondern auch Bachs Ansehen ganz persönlich hat vor allem in der westlichen Welt massiven Schaden genommen. Bachs Vermächtnis, so viel dürfte sicher sein, wird immer mit dieser Entscheidung verbunden werden.

"Bach hätte ein starkes Signal an alle Nationen senden können, die genauso dreist betrügen wie Russland. Aber er hat versagt. Als Anführer. Als Stimme für den sauberen Sport. Als jemand, der sein Wort hält", schrieb die New York Times. Die britische Daily Mail, die 2013 als erstes Medium über Vertuschung und Korruption in Russland berichtet hatte, bezeichnete Bach als "zahnlosen Präsidenten, der eine gemütliche Beziehung zu Wladimir Putin pflegt".

Immer wieder wurde Bach diese Nähe zu Russlands Staatspräsidenten vorgeworfen, für viele war sie einer der Gründe für die fragwürdige Entscheidung. Auch wenn Bach in der Vergangenheit solche Gedankenspiele immer wieder ins Reich der Fabeln verwiesen hat. "Es ist in hohem Grade alarmierend, welchen Kotau Thomas Bach vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin macht", sagte auch Ines Geipel, Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOH) und seit langem eine Kritikerin Bachs.

Allerdings gab es auch Unterstützung - nicht nur aus Russland, wo es Bach auf die Titelseiten schaffte. Bach sei kein Mann, "der alleine entscheidet". Innerhalb des 15-köpfigen Exekutivkomitees, das die Entscheidung am Sonntag getroffen hat, gebe es "Verbindungen einzelner Mitglieder zu Russland, die härtere Sanktionen nicht möglich machten", sagte IOC-Ehrenmitglied Walter Tröger dem SID: "Die Präsidialebene des IOC hat Mitglieder aus fünf Kontinenten, die viele verschiedene Interessen verfolgen." Auch DOSB-Präsident Alfons Hörmann verteidigte Bach: "Thomas Bach hat den Fall professionell und so ausgewogen und ganzheitlich gemanagt, wie er es an der Spitze des Weltsports tun muss."

Nun sieht sich Bach inmitten einer noch schwierigeren Situation als bei seinem Amtsantritt. Die Glaubwürdigkeitskrise des organisierten Sports ist dramatisch, die Olympischen Spiele in Rio sind schon vor der Eröffnungsfeier am 5. August beschädigt - selbst die Kluft innerhalb der olympischen Bewegung scheint immer größer zu werden. "Ich mache mir Sorgen um die Zukunft der olympischen Bewegung und der Olympischen Spiele", sagte das britische IOC-Mitglied Adam Pengilly.

Diese Sorgen muss Bach zerstreuen. Die vielen Absagen möglicher Ausrichter-Städte aus Europa beispielsweise für die Winterspiele 2022 haben allerdings schon gezeigt, dass das Ansehen des IOC und seiner Spiele in den westlichen Gesellschaften ohnehin schon stark gesunken ist.

(old/sid)
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