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Bilanz
Was von Olympia bleibt

Olympia 2016: Was von den Spielen bleibt
In diesen Hochhäusern wohnen die Sportler. Eine gute Zukunft dürften die schnell und billig gebauten Häuser nicht haben. FOTO: dpa, kno
Rio. Vor allem der öffentliche Nahverkehr wird von den Spielen in Rio de Janeiro profitieren. Anders sieht es beim Olympischen Dorf aus. Von Stefan Klüttermann

Wer im Internet surft, dem ploppen die Fotos seit Jahren immer mal wieder an unterschiedlichen Stellen entgegen. Fotos, die dokumentieren, wie die Sportstätten der Olympischen Spiele 2004 in Athen verfallen. Sie sind das wohl am meisten bemühte Beispiel für ausgeblendete Überlegungen in punkto Nachhaltigkeit und Folgenutzung bei der Konzeption von Sportanlagen eines Olympia-Gastgebers. Fotos wie die aus Athen soll es möglichst nicht mehr geben, hat sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) überlegt und sich die Nachhaltigkeit ganz dick ins Notizbuch geschrieben, das man "Agenda 2020" nennt. Da stellt sich die Frage, wie es absehbar um die Nachhaltigkeit von Rio 2016 bestellt ist, oder anders gefragt: Was haben die Stadt, ihre Einwohner und der Sport in Brasilien von den Baumaßnahmen im öffentlichen Raum, die mit Blick auf Olympia umgesetzt wurden? Die Antwort: Wohl mehr, als viele gedacht hätten.

Sportstätten 32 Sportstätten gibt es in den vier Olympia-Zonen Copacabana, Barra, Maracanã und Deodoro. Ein Großteil davon war bereits für die Panamerikanischen Spiele 2007 gebaut worden und wurde nun für Olympia lediglich modernisiert. Das Olympiastadion, zum Beispiel, in dem Erstligist Botafogo seine Heimspiele austrägt. Oder das Maria-Lenk-Schwimmstadion, die Mehrzweckhalle "Rio Olympic Arena", das Reitstadion, die Schießanlagen oder das Hockeystadion.

Andere Sportstätten, deren Folgenutzung nicht gesichert werden konnte, sind als Provisorien angelegt und werden nach den Spielen zurückgebaut. So die Future-Arena, in der die Handballer spielen (aus ihren Baumaterialien sollen vier Schulen entstehen), die Tribünen des Rugby-Stadions oder das stählerne Beachvolleyballstadion an der Copacabana. Die neu gebauten drei Carioca-Arenen sollen in einem Leistungszentrum samt Sportschule für 850 Schüler aufgehen, der Golfplatz wird nach den Spielen für die Öffentlichkeit zugänglich sein, und der Tennis-Centre-Court wird von den Veranstaltern als "eines der größten Vermächtnisse der Spiele" gepriesen. Fragezeichen stehen vor allem hinter der künftigen Nutzung des Wildwasserstadions in Deodoro - die Anlage in Athen ist schließlich meist das prominenteste Beispiel für Verfall.

Öffentlicher Nahverkehr In diesem Punkt dürften die Cariocas am meisten profitieren - von Investitionen von umgerechnet fast sieben Milliarden Euro, die seit langem fällig gewesen waren, aber erst durch das Prädikat "für Olympia" finanziert werden konnten. Drei neue Schnellbuslinien (BRT) hat die Stadt für die Spiele realisiert, eine vierte befindet sich noch im Bau. Sie binden vor allem den Südwesten der Metropole besser an die anderen Stadtbereiche an. Gleiches schafft auch die neue, kostenexplodierte U-Bahn-Linie 4, die Barra mit Ipanema verbindet und nach den Spielen für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Zigtausende Pendler, die auf chronisch verstopften Straßen bislang rund zwei Stunden für die Strecke aufwenden mussten, sollen künftig nur noch 30 Minuten unterwegs sein. Das macht unterm Strich drei Stunden weniger, die ein Mensch pro Tag auf dem Arbeitsweg verbringen muss. Zwischen Stadtzentrum, aufgewertetem Hafenviertel und dem kleineren der beiden Flughäfen fährt zudem seit Juni eine Straßenbahn (VLT), wo sich früher ein Teilstück der Stelzenautobahn breitmachte.

Den Abriss dieser Autobahn, des "Perimetral Highways" aus den 1950ern, feiern die Politiker als Meilenstein im Ausbau der städtischen Verkehrsinfrastruktur. Der Verkehr, der sich hier hindurchquälte, wurde dezentral auf Achsen umgeleitet, die ihrerseits ausgebaut wurden. Die wichtigste Baumaßnahme in diesem Zusammenhang: die massive Erweiterung des Joá Highway, der Küstenstraße zwischen Barra und São Conrado. Doppelt so viele Spuren, neue Tunnel und der im April wegen des Einsturzes eines Teilstücks in den Medien auftauchende, parallel laufende Fahrradweg sollen hier den Verkehrsmoloch Rio an einer seiner sensibelsten Stellen entlasten. Eine vergleichbare Verbesserung soll künftig auch die für den Olympiaverkehr bereits geöffnete, neue Schnellstraße zwischen Barra und Deodoro im Norden schaffen, auf der es pro Fahrtrichtung zwei Spuren für den Verkehr und eine für die neue Schnellbuslinie gibt.

...und was ist mit dem Olympischen Dorf? 31 Hochhäuser bilden in Rio die Heimat der Athleten. 31 Häuser, die private Baufirmen auf Bauland realisiert haben, das ihnen die Stadt überlassen hatte. Außerdem gewährten Rios Politiker den Firmen das Recht, die 3604 Wohnungen nach dem Auszug der Athleten als Luxusappartements zu verkaufen. Als aber absehbar war, dass aufgrund der wirtschaftlichen Krise im Land die Nachfrage nach den Wohnungen deutlich hinter den Erwartungen zurück bleiben würde, verwendeten die Baufirmen einem Bericht der Zeitung "O Globo" zufolge irgendwann nur noch die billigsten Materialien. Hier droht Rio also am ehesten in den kommenden Jahren ein Anblick, wie er in die Fotostrecke des olympischen Athens von 2004 hineinpassen würde.

Quelle: RP
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