| 12.00 Uhr

Superstar der Olympischen Spiele
Wenn Bolt geht, geht der Glamour

Bolt krönt sich erneut zum König der Sprinter
Bolt krönt sich erneut zum König der Sprinter FOTO: afp
Rio de Janeiro. Usain Bolt liefert bei den Olympischen Spielen wie gewohnt die große Show. Die Leichtathletik ist komplett abhängig von ihrem Superstar, dessen Karriereende immer näher rückt. Von Stefan Klüttermann

9,81 Sekunden dauert er an diesem Abend, der größte Moment, den die Leichtathletik zu bieten hat. 9,81 Sekunden, das ist aber auch der Moment, in dem die Leichtathletik am verletzlichsten ist, weil sie sich eben in ihrem größten Moment dem größten Star ihrer Sportart komplett ausliefert: Usain Bolt. Der Jamaikaner läuft hier in Rio in die Geschichtsbücher. Er ist der erste Mensch, der dreimal in Folge den 100-Meter-Lauf bei Olympischen Spielen gewinnt. "Das bedeutet mir etwas, weil es niemand vor mir geschafft hat. Es hat ja vor mir auch niemand versucht", sagte der 29-Jährige, und die wohl größte Ansammlung von Journalisten bei diesen Spielen schrieb eifrig mit.

Bolt ist womöglich der größte Leichtathlet aller Zeiten. Niemand vor ihm hat sich selbst, aber eben gleichzeitig auch seinen Sport so sehr vermarktet, so sehr erhöht, so sehr auf seine eigene Person zentriert wie der Sprintstar aus der Karibik. Aber er will nächstes Jahr aufhören. Und er wird damit das meiste an Glamour aus der Leichtathletik mitnehmen.

Bolt auch in Brasilien der Publikumsliebling

Die Brasilianer lieben Bolt, das ist seit seinem ersten Auftritt hier in Rio unstrittig. Sein erster Auftritt war eine Pressekonferenz bei seinem Sponsor. Als Bolt sich von den anwesenden Journalisten nicht ausreichend beklatscht fühlte, ging er erstmal wieder von der Bühne. Doch er kam wieder, shakerte mit Sambatänzerinnen, am Ende rappte ein norwegischer Reporter ein selbstgeschriebenes Lied für ihn. Alles gaga, alles irre, alles Bolt eben.

Als er 2012 in London gerade eben die 200 Meter gewonnen hatte, sagte er: "Ich bin jetzt eine Legende. Ich bin jetzt außerdem der großartigste, lebende Athlet." Auf diese Anmaßung regte sich Widerstand vonseiten der Sportfunktionäre. Aber nur ein ganz klein bisschen. Denn sie alle wussten: Bolt hat ja recht.

Bolt zeigt typische Jubelpose und feiert mit Maskottchen FOTO: afp

Jedes Mal, wenn er hier in Rio das Stadion betrat, schrie das Publikum mit einer Stimme auf. Ob nun zum Vorlauf oder zum großen Finale abends um halb elf. Es huldigte ihm mit Sprechchören, und er ließ sich feiern. Er posierte und inszenierte, während seine Konkurrenz sich darauf konzentrierte, gleich wieder gegen ihn zu verlieren. Und dann schlug er sie halt wieder. US-Bad-Boy und Dopingsünder Justin Gatlin hatte letztlich keine Chance, und der Rest des Feldes sowieso nicht.

Es war ja auch gar nicht vorgesehen, dass einer eine Chance hatte, denn zu Bolt gehört schließlich, dass er nicht einfach nur gewinnt. Die Massen wollen seine Show sehen, sehen, wie er seine Gegner demütigt, sie verhöhnt, indem er schon während des Laufs zu den Fotografen guckt und am Ende austrudeln lässt. Um genau das zu sehen, bezahlen die Leute Eintritt. "Ich habe immer denselben Traum, in dem mich meine Gegner jagen. Aber es ist ein guter Traum, denn am Ende kriegen sie mich nie", sagte Bolt nach seinem 100-Meter-Triumph.

Die Zuschauer wollen keine Wachablösung

Die Leute wollen auch gar nicht sehen, dass mal jemand Bolt einholt oder gar überholt. Sie wollen Bolt siegen sehen, keinen spannenden Endlauf mit ungewissem Ausgang. Und ob da immer wieder mal Dopingvorwürfe gegen ihn laut werden – wen kümmert es, wenn die Show gut ist? Von dieser Attitüde auf den Rängen profitiert Bolt. Und sie haben ja bei ihm bis jetzt auch noch nie eine Dopingsubstanz gefunden. Am Ende sind wahrscheinlich alle froh, dass sie bei ihm nichts finden.

Der Superstar lebt nun seit fast zehn Jahren prächtig von der Bühne, die ihm die Leichtathletik bietet. Und die Leichtathletik wiederum lebt seit Jahren vorzüglich von der Show, die Bolt abliefert. Meeting-Veranstalter wollen ausgerechnet haben, dass 10.000 Zuschauer mehr in ein Stadion kommen, wenn der 1,95-Schlaks am Start ist. Bolt gilt als der bestbezahlte Leichtathlet aller Zeiten, wobei er längst nur einen Bruchteil seiner mehr als 20 Millionen Euro jährlich über Start- und Siegprämien verdient. Die dicken Beträge fließen alle aus Werbeverträgen.

Wenn der Mann, dem die Cariocas dieser Tage so bedingungslos zu Füßen liegen, seine Ankündigung tatsächlich wahr macht und 2017 aufhört, steht die Leichtathletik vor demselben Problem, das der Schwimmsport in der Zeit nach Michael Phelps hat: es ist die Frage, wer bloß die Lücke füllen soll – und vor allem die Kassen einer Sportart. Stabhochspringer Renaud Lavillenie wird seine Sportart nicht ziehen können, bei aller Klasse. Auch kein Mo Farrah. Oder irgend eine Hammerwerferin. Es muss ein neuer Sprinter her, einer, der auf der Bahn die Massen fesselt. Keine Bolt-Kopie, sondern einer, der eine neue Geschichte erzählt, wegen der die Leute Eintritt bezahlen.

Einer, der die zarte Hoffnung weckt, mal dieser Jemand sein zu können, ist der Südafrikaner Wayde van Niekerk (24), der Minuten vor Bolts Goldlauf mal eben den 400-Meter-Weltrekord von Michael Johnson aus dem Jahr 1999 auf 43,03 Sekunden verbesserte. Van Niekerk ist der erste Leichtathlet, der die 100 Meter unter 10 Sekunden, die 200 Meter unter 20 Sekunden und die 400 Meter unter 44 Sekunden gerannt ist. Am Dienstag, in den 200-Meter-Vorläufen, kommt es aber nun nicht zum Duell Bolt gegen van Niekerk. Der Südafrikaner lässt die Strecke hier bei Olympia aus.

Bolt würde es übrigens klasse finden, mal gegen van Niekerk zu laufen. "Ich bin sehr stolz auf ihn, aber er kann mich über 200 Meter nicht schlagen. Ich mache mir da keine Sorgen", sagte Bolt. Solange er immer denselben Traum träumt, ist er eben unbesiegbar.

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