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Putin kritisiert Sperren
"Olympia wird durch das Fehlen russischer Athleten abgewertet"

Putin verabschiedet russisches Team nach Rio
Putin verabschiedet russisches Team nach Rio FOTO: dpa, sc ss
Moskau. Russlands Präsident Wladimir Putin hat trotz des abgewendeten Komplett-Ausschlusses für die russische Olympia-Mannschaft die teilweisen Sperren gegen einzelne Athleten scharf kritisiert.

"Die derzeitige Situation verstößt nicht nur gegen gesetzliche Regelungen, sie verstößt auch gegen den gesunden Menschenverstand", sagte das Staatsoberhaupt bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Durch das Fehlen zahlreicher russischer Athleten in Rio, würden die Olympia-Medaillen abgewertet, so Putin.

Der Staatschef hatte zuvor einen Teil der russischen Olympia-Delegation vor dem Abflug nach Rio im Kreml empfangen. In einer feierlichen Zeremonie sollten dort insgesamt 49 Athleten zunächst vom Staatsoberhaupt verabschiedet und anschließend vom Patriarchen der Orthodoxen Kirche gesegnet werden. Der Großteil des russischen Olympia-Teams bricht am Donnerstag nach Brasilien auf.

Zu den Athleten, die im Kreml empfangen wurden, hatten dabei auch solche gehört, die in Rio gar nicht startberechtigt sind wie beispielsweise Stabhochsprung-Star Jelena Issinbajewa. "Wir sind davon überzeugt, dass sie auch Teil des Teams sind", sagte Putins Sprecher Dimitri Peskow.

Wie viele Sportler insgesamt nach Rio reisen, ist derweil weiter unklar. Nach dem IOC-Entschluss auf einen Komplett-Ausschluss der russischen Olympia-Mannschaft zu verzichten, entscheiden die jeweiligen Sportfachverbände darüber, wer das Startrecht für Olympia erhält. Viele Verbände haben sich noch nicht abschließend geäußert, nach derzeitigem Stand dürfte das russische Aufgebot aber deutlich über 200 Athleten umfassen.

Viel Unterstützung für Robert Harting

Unterdessen erhielt Diskus-Olympiasieger Robert Harting nach seiner verbalen Attacke auf IOC-Boss Thomas Bach viel Zuspruch von anderen deutschen Olympia-Stars. Zudem legt sich nun auch Eisschnellläuferin Claudia Pechstein mit dem mächtigsten Mann des Weltsports aus Tauberbischofsheim an.

"Bach hat sich in meinen Augen politisch kaufen lassen", sagte Pechstein dem Sport-Informations-Dienst: "Er lügt die Welt an, wenn er öffentlich predigt, es gelte für jeden Sportler die Unschuldsvermutung." Den IOC-Beschluss, Russland trotz eines systematischen und staatlich geschützten Dopingsystems bei den kommenden Olympischen Spielen in Rio de Janeiro starten zu lassen, bezeichnete die Berlinerin als "feige Entscheidung". Bach drücke sich vor der Verantwortung und werde seiner Führungsrolle als IOC-Chef "einmal mehr" nicht gerecht. "Das Ganze ist ein unwürdiges Trauerspiel", sagte Pechstein.

Zuvor hatte Harting massive Kritik an der IOC-Entscheidung gegen einen Komplett-Ausschluss des russischen Teams für die Spiele in Brasilien geäußert und Bach mit scharfen Worten angegriffen. "Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems", sagte der Berliner am Dienstag in seinem Trainingslager in Kienbaum. Der Olympiasieger von London machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: "Ich persönlich verabscheue diesen Menschen mehr denn je und schäme mich sehr stark dafür, dass ich in indirekter Situation am Gleichen mit ihm arbeite. Ich schäme mich für Thomas Bach."

Starke Worte, die in der deutschen Sportwelt für Aufsehen gesorgt haben. "Die Heftigkeit seiner Reaktion zeigt, wie sehr den Athleten dieses Thema unter den Nägeln brennt", sagte Ruderer Christian Schreiber, Vorsitzender der DOSB-Athletenkommission. Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste meinte: "Ich respektiere und mag Robert, weil er sagt, was er denkt. Das gibt es im Sport zu selten und regt Diskussionen an." Und auch Speerwerfer Thomas Röhler sagte: "Ich kann seinen Ärger schon nachvollziehen. Man schämt sich manchmal, Teil eines solchen Systems zu sein."

Viele andere Athleten wollten sich auf Anfrage allerdings nicht zu diesem "heiklen" Thema äußern und auch die DOSB-Spitze schweigt zu den Aussagen Hartings bislang eisern. Ein Großteil der Athleten kann aber unter anderem nicht nachvollziehen, warum Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa die "ethischen Anforderungen" an einen olympischen Athleten nicht erfüllt und ihr der Start in Rio verweigert wird, andere des Dopings überführte Sportler wie US-Sprinter Justin Gatlin aber am Zuckerhut um Gold kämpfen dürfen.

"Ein schlechter Witz"

Für Pechstein sind Bachs Beteuerungen, dass saubere Athleten vor einer Kollektivstrafe geschützt werden müssen, wohl auch deshalb "ein schlechter Witz". "Wenn das stimmen würde, wäre meine Verfahren längst neu aufgerollt worden", sagte die fünfmalige Olympiasiegerin: "Das ist eine unglaubliche Art der Verdummung, die Bach da an den Tag legt." In ihrem Fall habe die Unschuldsvermutung nie gegolten: "Ich würde völlig zu Unrecht ohne jeden Beweis, nur aufgrund einer absurden Wahrscheinlichkeitsrechnung verurteilt."

Harting muss immerhin nach seinen Aussagen in Richtung Bach keine persönlichen Konsequenzen durch das IOC fürchten, obwohl dieser seine Aussagen als nicht akzeptabel bezeichnet hatte. Dies teilte ein Sprecher dem SID mit. Den Mund verbieten lassen hätte sich der meinungsstarke Diskus-Riese aber wohl ohnehin nicht.

(sid)
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